# Cavalleria rusticana
Als eine der prägenden Opern des späten 19. Jahrhunderts und unbestrittener Eckpfeiler des Verismo repräsentiert Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ (deutsch: Sizilianische Bauernehre) eine musikalische Revolution. Ihr unmittelbarer und nachhaltiger Erfolg begründete nicht nur Mascagnis Ruhm, sondern definierte auch die Parameter eines neuen, realistischen Opernstils.
Leben und Entstehung
Pietro Mascagni (1863–1945), ein aus Livorno stammender Komponist, war zu Beginn seiner Karriere noch weitgehend unbekannt. Die Geburtsstunde von „Cavalleria rusticana“ ist untrennbar mit einem Kompositionswettbewerb des Mailänder Musikverlegers Edoardo Sonzogno verbunden, der 1889 ausgeschrieben wurde. Gesucht wurden einaktige Opern, die von jungen, talentierten Komponisten stammten. Mascagni, zu diesem Zeitpunkt Militärkapellmeister in Cerignola, wurde von einem Freund ermutigt, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Innerhalb weniger Monate komponierte er „Cavalleria rusticana“ basierend auf der Novelle und dem Drama „Cavalleria rusticana“ von Giovanni Verga, das von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci zu einem meisterhaften Libretto adaptiert wurde. Die Uraufführung am 17. Mai 1890 am Teatro Costanzi in Rom war ein triumphaler Erfolg. Das Publikum forderte zahlreiche Wiederholungen und Mascagni wurde über Nacht zum international gefeierten Komponisten.
Das Werk
Genre und Struktur
„Cavalleria rusticana“ ist eine einaktige Oper, ein „Melodramma“, das die charakteristische Dichte und Intensität des Verismo aufweist. Die Handlung spielt sich innerhalb weniger Stunden ab und ist durch eine rasante emotionale Entwicklung gekennzeichnet, die in einer tragischen Katastrophe kulminiert.
Handlung
Die Oper entfaltet sich am Ostersonntag in einem sizilianischen Dorf. Der junge Soldat Turiddu (Tenor) ist aus dem Militärdienst zurückgekehrt und hat erfahren, dass seine einstige Geliebte Lola (Mezzosopran) den Fuhrmann Alfio (Bariton) geheiratet hat. Aus Rache und Eifersucht beginnt Turiddu eine Affäre mit der bescheidenen Santuzza (Sopran), die ihn aufrichtig liebt und von ihm schwanger ist. Doch Lola, von Eifersucht geplagt, kehrt bald zu Turiddu zurück. Santuzza, verzweifelt und gedemütigt, gesteht Alfio die Affäre seiner Frau. Zunächst ungläubig, bricht Alfios Zorn hervor. Er fordert Turiddu auf Sizilianische Art zum Duell heraus – ein Biss ins Ohr als Zeichen der tödlichen Feindschaft. Trotz der flehentlichen Bitten seiner Mutter Mamma Lucia (Alt) und Santuzzas weiß Turiddu, dass er sterben wird. Er bittet seine Mutter, sich um Santuzza zu kümmern, und geht in den Kampf. Kurz darauf hallt ein Ruf durch das Dorf: „Hanno ammazzato compare Turiddu!“ (Sie haben Vetter Turiddu getötet!).
Musikalische Charakteristika
Mascagnis Partitur ist ein Meisterwerk der emotionalen Direktheit und melodischen Eingängigkeit. Die Musik ist durchdrungen von südländischem Flair und vermittelt die leidenschaftlichen Gefühle der Charaktere auf ungeschminkte Weise:
Vokalpartien
Die Hauptrollen sind äußerst anspruchsvoll und erfordern dramatische Stimmen:
Bedeutung und Rezeption
„Cavalleria rusticana“ markierte den Startschuss für eine neue Ära der italienischen Oper, den Verismo. Mascagnis Werk löste eine Welle ähnlicher Opern aus, deren bekanntestes Beispiel Leoncavallos „Pagliacci“ ist. Beide Opern werden aufgrund ihrer thematischen Ähnlichkeit, ihrer Kürze und ihres gemeinsamen Erfolgs oft als „Cav/Pag“-Doppelabend aufgeführt.
Obwohl Mascagni in seiner langen Karriere weitere Opern komponierte, konnte keine an den Erfolg von „Cavalleria rusticana“ anknüpfen, was ihm den Ruf eines „Ein-Opern-Komponisten“ einbrachte. Dies schmälert jedoch nicht die epochale Bedeutung und die künstlerische Qualität seines Meisterwerks. „Cavalleria rusticana“ bleibt ein unverzichtbarer Bestandteil des Opernkanons, der durch seine ungeschminkte Emotionalität, seine mitreißenden Melodien und seine dramatische Dichte das Publikum seit über einem Jahrhundert in seinen Bann zieht. Sie ist ein zeitloses Zeugnis menschlicher Leidenschaften, Eifersucht und der unerbittlichen Gesetze der Ehre.