# Adagio in g-Moll (Giazotto) – fälschlich Tomaso Albinoni zugeschrieben
Das sogenannte „Adagio in g-Moll“ ist eines der bekanntesten und beliebtesten Stücke der klassischen Musik, dessen elegische Schönheit und emotionale Tiefe Millionen Zuhörer berühren. Es wird nahezu ubiquitär dem venezianischen Barockkomponisten Tomaso Albinoni zugeschrieben, doch diese Zuschreibung ist eine der hartnäckigsten und prominentesten Irrtümer der Musikgeschichte. Das Werk ist in Wahrheit eine Komposition des italienischen Musikwissenschaftlers Remo Giazotto aus dem Jahr 1958.
Zum Werk: Das „Adagio in g-Moll“
Das Adagio in g-Moll ist typischerweise für Streicher und Orgel gesetzt, obwohl es in zahlreichen anderen Instrumentationen und Arrangements existiert. Es zeichnet sich durch seine getragene Melodie, reiche Harmonik und eine tief melancholische, beinahe sakrale Atmosphäre aus. Die Form ist eine ABA-Struktur, wobei der dramatische Mittelteil eine Steigerung des Ausdrucks liefert, bevor die ergreifende Anfangsmelodie wiederkehrt. Stilistisch weist das Werk Elemente auf, die sowohl an barocke Kantilenen erinnern als auch eine romantische Gefühlstiefe vorwegnehmen, die für Albinonis tatsächliche Werke untypisch ist.
Die Entstehungsgeschichte und die Fehlzuschreibung
Die Legende besagt, Giazotto habe das Adagio auf der Grundlage eines kleinen Fragments eines Basslaufes und sechs Takten Melodie, die angeblich aus einer Sonate von Albinoni stammten und in den Ruinen der Sächsischen Landesbibliothek Dresden nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg gefunden wurden, rekonstruiert. Giazotto veröffentlichte das Werk 1958 unter dem Titel *„Adagio in sol minore per archi e organo su due spunti tematici e su un basso numerato di Tomaso Albinoni“* (Adagio in g-Moll für Streicher und Orgel über zwei thematische Spuren und einen bezifferten Bass von Tomaso Albinoni). In einer späteren Ausgabe des Stücks durch den italienischen Verlag Ricordi wurde der Verweis auf Albinoni jedoch gestrichen und Giazotto als alleiniger Komponist genannt.
Nachweislich konnte jedoch niemals ein solches Albinoni-Fragment in Dresden oder anderswo gefunden werden. Die Musikwissenschaft ist sich heute einig, dass das Adagio in seiner Gesamtheit eine eigenständige Schöpfung Giazottos ist. Seine Angaben über das Albinoni-Fragment gelten als unbewiesene Behauptung, wahrscheinlich zur Steigerung der Authentizität und des Interesses an seiner Komposition.
Tomaso Albinoni (1671–1751): Leben und tatsächliches Werk
Tomaso Giovanni Albinoni war ein italienischer Barockkomponist aus Venedig, der als Sohn eines reichen Papierhändlers lebte und sich selbst als „dilettante veneto“ bezeichnete – ein Amateur. Er genoss die Freiheit, unabhängig von kirchlichen oder höfischen Verpflichtungen zu komponieren, und war bekannt für seine produktive Arbeit, insbesondere im Bereich der Oper und der Instrumentalmusik.
Albinoni schrieb etwa 80 Opern, von denen heute nur noch Fragmente existieren, und über 100 weltliche Kantaten. Seine bedeutendste Überlieferung sind jedoch seine Instrumentalwerke: Konzerte für Violine, Oboe und Trompete, Sonaten und Suiten. Zu seinen berühmtesten Werken gehören die Concerti op. 9, insbesondere die Oboenkonzerte, und die *Trattenimenti armonici per camera* op. 6. Sein Stil ist geprägt von lyrischen Melodien, einer klaren Formgebung und einer moderaten harmonischen Komplexität, die typisch für den venezianischen Barock ist. Das Adagio in g-Moll passt weder stilistisch noch harmonisch zu Albinonis überliefertem Werk.
Remo Giazotto (1910–1998): Leben und Rolle
Remo Giazotto war ein italienischer Musikwissenschaftler, Komponist und Musikkritiker. Er war eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der italienischen Musikgeschichte, insbesondere des Barocks, und verfasste umfangreiche Biografien über Komponisten wie Albinoni und Vivaldi. Seine Albinoni-Biografie, *Tomaso Albinoni: 'Musico di violino dilettante veneto'* (1945), war ein Standardwerk, das maßgeblich dazu beitrug, Albinonis Musik wiederzuentdecken und einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Es ist ironisch, dass Giazotto, der so viel für die wissenschaftliche Erforschung der Barockmusik leistete, selbst für eine der größten musikalischen Fälschungen verantwortlich ist. Seine Motivation bleibt spekulativ: Vielleicht wollte er die emotionale Leere nach dem Krieg füllen, oder er sah es als eine Art Hommage an Albinoni, dessen Ruhm er durch seine Forschung wiederherzustellen suchte. Unabhängig von der Absicht ist Giazottos Adagio in g-Moll zu einem eigenständigen Meisterwerk avanciert, das Albinonis Namen weit über seine tatsächlichen Werke hinaus bekannt gemacht hat.
Musikalische Bedeutung und Rezeption
Das Adagio in g-Moll hat trotz seiner falschen Zuschreibung einen unbestreitbaren Status in der Musikwelt erlangt. Es ist ein fester Bestandteil des Konzertrepertoires vieler Orchester und Solisten, findet sich in zahlreichen Soundtracks von Filmen und Fernsehproduktionen und wird oft in Werbespots eingesetzt. Seine universelle Botschaft von Melancholie, Trost und transzendenter Schönheit macht es zu einem zeitlosen Stück.
Die Diskussion um seine Authentizität wirft wichtige Fragen über die Natur musikalischer Schöpfung, die Rolle von Zuschreibungen und die Trennung zwischen wissenschaftlicher Wahrheit und emotionaler Wirkung auf. Unabhängig von seiner wahren Herkunft bleibt das Adagio in g-Moll ein Stück von immenser emotionaler Kraft und künstlerischem Wert, das die Fähigkeit der Musik demonstriert, über Epochen und Zuschreibungen hinweg zu berühren.