Leben und Entstehung
Wolfgang Amadeus Mozarts Ariette für Bass „Un bacio di mano“, katalogisiert als KV 541, entstand im äußerst produktiven, aber finanziell angespannten Jahr 1788 in Wien. Dieses Jahr markierte eine kreative Hochphase Mozarts, in der er nicht nur seine drei letzten und größten Sinfonien (KV 543, 550, 551) vollendete, sondern auch weiterhin kleinere Vokalwerke komponierte, oft auf Anfrage von Sängern. Die vorliegende Ariette ist ein typisches Beispiel für eine sogenannte Einlagearie (Insertionsarie), die nicht für eine eigene Oper Mozarts bestimmt war, sondern zur Ergänzung oder zum Ersatz einer Arie in einem fremden Bühnenwerk dienen sollte, oder auch als stand-alone Konzertstück. Es wird vermutet, dass sie für den renommierten Bassisten Francesco Albertarelli, oder auch Francesco Benucci, komponiert wurde, die beide in Mozarts Umfeld agierten.
Bemerkenswert ist der fragmentarische Charakter des Werkes: Mozart instrumentierte und vollendete lediglich das orchestrale Ritornell und den ersten Abschnitt der Arie. Der zweite Abschnitt sowie die erwartete Rückkehr des Hauptthemas oder ein Da capo fehlen. Der Text, eine kokette Bitte um einen Handkuss („Un bacio di mano, signorina / Non si nega ad un uom ch'è gentil“ – „Ein Handkuss, Fräulein, wird einem galanten Mann nicht verwehrt“), entstammt einem Libretto von Lorenzo Da Ponte, mit dem Mozart in dieser Zeit intensiv zusammenarbeitete und der auch die Texte zu seinen großen Opern wie „Le nozze di Figaro“ und „Don Giovanni“ lieferte. Das vollständige Gedicht findet sich in Da Pontes Libretto zu dem Singspiel „Le gelosie fortunate“ (Die glücklichen Eifersüchte), das 1788 von Franz Xaver Süßmayr vertont wurde.
Werk und Eigenschaften
Die Ariette KV 541 steht in D-Dur und ist für Bassstimme und ein vergleichsweise reichhaltiges Orchester instrumentiert, bestehend aus Flöte, zwei Oboen, zwei Fagotten, zwei Hörnern und Streichern. Trotz ihres unvollendeten Zustands offenbart sie die ganze Meisterschaft Mozarts in der Gestaltung einer effektvollen Arie. Die Einleitung ist von einer heiteren, galanten Eleganz geprägt, die den Charme und die Leichtigkeit des Textes musikalisch vorwegnimmt.
Die Bassstimme wird von Mozart mit einer Mischung aus lyrischer Schönheit und virtuoser Agilität behandelt. Die melodische Linie ist eingängig, dabei aber gespickt mit feinen Verzierungen und charakteristischen Intervallsprüngen, die dem Interpreten sowohl gesangliche Kultiviertheit als auch technische Brillanz abverlangen. Mozart gelingt es, die schmeichelnde, leicht augenzwinkernde Natur der Textvorlage perfekt einzufangen. Dynamische Kontraste und wohlplatzierte Pausen verstärken die rhetorische Wirkung des Gesangs und unterstreichen die spielerische Verführung des Textes. Die Orchesterbegleitung ist differenziert und stützt die Gesangslinie nicht nur harmonisch, sondern kommentiert und untermauert auch die emotionale Nuancierung des Sängers.
Bedeutung
Trotz ihres fragmentarischen Charakters ist „Un bacio di mano“ ein kleines Juwel in Mozarts Vokalrepertoire und ein wichtiges Dokument seiner Schaffensweise. Die Ariette demonstriert Mozarts außergewöhnliche Fähigkeit, auch auf kleinstem Raum und in unvollendeter Form tiefgründige musikalische Ideen und Charakterstudien zu entwickeln. Sie beleuchtet zudem die gängige Praxis der Einlagearien im 18. Jahrhundert, die es Komponisten ermöglichte, flexibel auf die Bedürfnisse von Sängern und Theatern zu reagieren.
Das Werk ist ein Zeugnis von Mozarts anhaltendem Interesse am Komponieren für die Bassstimme, die er mit einer Mischung aus würdevoller Autorität und komödiantischer Wendigkeit zu behandeln wusste. Die charmante Natur und die musikalische Qualität haben dazu geführt, dass KV 541, oft in konzisen Aufführungen des überlieferten Materials oder gelegentlich mit ergänzten Schlussabschnitten, seinen festen Platz im Konzertrepertoire gefunden hat und weiterhin das Publikum mit seiner Eleganz und seinem Witz begeistert.