Leben und Entstehung
Wolfgang Amadeus Mozarts Arie 'Chi sà, chi sà, qual sia' (KV 582) entstand im Jahr 1789 in Wien. Es handelt sich um eine sogenannte 'Einlagearie' (Insertionsarie), die nicht Teil einer von Mozart selbst komponierten Oper ist, sondern als Zusatzstück für eine bestehende Oper eines anderen Komponisten geschaffen wurde. In diesem Falle war die Arie für die berühmte Sopranistin Louise Villeneuve bestimmt, die im April 1789 in Francesco Bianchis Oper *La villanella rapita* die Rolle der Dorilla singen sollte. Mozart schrieb für sie insgesamt zwei Einlagearien für diese Produktion – neben KV 582 auch die Arie 'Vado, ma dove? oh Dei!' (KV 583). Der Text zur Arie stammt höchstwahrscheinlich von Lorenzo da Ponte, Mozarts bevorzugtem Librettisten jener Zeit, der auch an *Le nozze di Figaro*, *Don Giovanni* und *Così fan tutte* mitwirkte. Die Entstehung dieser Arien unterstreicht Mozarts enge Zusammenarbeit mit Sängern und sein tiefes Verständnis für die individuellen Fähigkeiten und die Stimmkunst seiner Zeitgenossen.
Werk und Eigenschaften
Die Arie 'Chi sà, chi sà, qual sia' – wörtlich 'Wer weiß, wer weiß, was es sei' – ist eine ergreifende musikalische Darstellung von Ratlosigkeit und innerem Schmerz. Der Text drückt die Verwirrung einer Person aus, die unter einem unbestimmten Leid leidet: "Chi sà, chi sà, qual sia / La pena, l'affanno, il duol, / Che mi strugge, e mi lacera il cor?" (Wer weiß, wer weiß, was es sei / Die Pein, die Qual, der Schmerz, / Der mich verzehrt und mein Herz zerreißt?).
Musikalisch zeichnet sich die Arie durch eine meisterhafte Verbindung von dramatischer Ausdruckskraft und virtuoser Brillanz aus. Mozart wählt hierfür eine Rondo-Form (Andantino – Allegretto), die den wechselnden emotionalen Zuständen der Protagonistin perfekt widerspiegelt. Die musikalische Sprache ist reich an chromatischen Wendungen, dynamischen Kontrasten und feinen orchestralen Details. Die Instrumentation umfasst Flöte, Oboen, Fagotte, Hörner und Streicher, wobei die Holzbläser in solistischen Passagen und als obligate Begleiter die emotionale Tiefe des Gesangs unterstreichen.
Die Partie für Sopran ist äußerst anspruchsvoll. Sie erfordert nicht nur eine beeindruckende Bandbreite an stimmlicher Agilität für die ausgedehnten Koloraturen und Triller, sondern auch eine profunde expressive Fähigkeit, um die Nuancen von Verzweiflung, Sehnsucht und letztlich auch Resignation glaubwürdig darzustellen. Die Arie wechselt zwischen lyrisch-melancholischen Abschnitten und Passagen voller Dramatik und Bravour, die den gesamten Stimmumfang bis zum hohen c'''' ausreizen können.
Bedeutung
'Chi sà, chi sà, qual sia' gehört zu den bedeutendsten Konzert- und Einlagearien Mozarts und ist ein Paradestück für Sopranistinnen weltweit. Ihre herausragende Qualität belegt Mozarts Fähigkeit, selbst in einem für eine Fremdoper geschriebenen Stück tiefste psychologische Einsichten zu vermitteln und musikalisch zu gestalten. Die Arie ist nicht nur ein Zeugnis seiner kompositorischen Meisterschaft und seiner Fähigkeit, die menschliche Stimme virtuos zu behandeln, sondern auch ein Fenster in die damalige Opernpraxis, in der Einlagearien oft dazu dienten, Starsängerinnen in ihren Paraderollen glänzen zu lassen.
Obwohl sie nicht Teil einer originalen Mozart-Oper ist, wird 'Chi sà, chi sà, qual sia' aufgrund ihrer musikalischen Dichte, ihrer emotionalen Tiefe und ihrer technischen Herausforderung regelmäßig in Konzerten und auf Tonträgern aufgeführt. Sie ist ein fester Bestandteil des Repertoires für Koloratursoprane und gilt als ein Juwel des Mozartschen Œuvres, das seine Fähigkeit zur Schaffung zeitloser und universeller musikalischer Dramen eindrucksvoll unterstreicht.