Leben und Entstehung
Die Arie „Rivolgete a lui lo sguardo“, katalogisiert als KV 584, wurde von Wolfgang Amadeus Mozart wahrscheinlich Ende 1789 oder Anfang 1790 komponiert, kurz nach der Uraufführung seiner Oper *Così fan tutte* (KV 588) am 26. Januar 1790 in Wien. Ursprünglich war sie als Ersatz für die Arie „Non siate ritrosi“ (KV 583) für die Rolle des Guglielmo im ersten Akt vorgesehen. Die genauen Umstände der Entstehung sind nicht vollständig geklärt, doch es wird vermutet, dass Mozart auf Wunsch des ursprünglichen Sängers des Guglielmo, Francesco Benucci, oder eines anderen Bassisten, der die Rolle später übernahm, eine anspruchsvollere oder wirkungsvollere Arie schaffen wollte. Eine andere Theorie besagt, dass sie für eine geplante Wiederaufnahme der Oper geschrieben wurde, um den spezifischen Fähigkeiten eines anderen Sängers gerecht zu werden. Obwohl komponiert, fand „Rivolgete a lui lo sguardo“ zu Mozarts Lebzeiten keinen Eingang in die Oper und wurde erst posthum veröffentlicht und aufgeführt. Die ursprüngliche Arie „Non siate ritrosi“ blieb die Standardversion in Mozarts Werk.
Werk und Eigenschaften
„Rivolgete a lui lo sguardo“ ist eine anspruchsvolle konzertante Arie in D-Dur, die für einen virtuos begabten Bass konzipiert ist. Die musikalische Gestaltung übertrifft in ihrer Komplexität und ihrem Umfang die ersetzte Arie bei Weitem. Sie ist im Allegro-Tempo gehalten und weist eine reiche instrumentale Begleitung auf, die das Orchester von *Così fan tutte* widerspiegelt (Streicher, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten und Pauken).
Der Text, verfasst von Lorenzo Da Ponte, ist eine Aufforderung Guglielmos an Fiordiligi und Dorabella, die Reize der verkleideten „Albaner“ (Ferrando und Guglielmo selbst) zu bewundern. Guglielmo beschreibt dabei ausführlich und mit schmeichelnder Eitelkeit die vermeintlichen Vorzüge der Männer. Mozarts musikalische Sprache unterstreicht diese galante Überzeugungsarbeit mit einer Fülle von Koloraturen, weiten Sprüngen und einer dramatischen Deklamation, die die gesangstechnischen Möglichkeiten der Bassstimme voll ausschöpft. Die Arie ist durchzogen von feinen musikalischen Details, die den Schalk und die Selbstsicherheit Guglielmos meisterhaft widerspiegeln. Ihre Struktur, die Elemente der Da-capo-Form aufgreift, ermöglicht dem Solisten sowohl lyrische Linien als auch kraftvolle, technisch fordernde Passagen.
Bedeutung
Obwohl „Rivolgete a lui lo sguardo“ nie integraler Bestandteil der Aufführungspraxis von *Così fan tutte* wurde, besitzt sie eine immense musikhistorische Bedeutung. Sie zeugt von Mozarts unermüdlichem Bestreben, seine Werke zu perfektionieren und an die individuellen Fähigkeiten der Sänger anzupassen, selbst nach der Premiere. Die Arie ist ein herausragendes Beispiel für Mozarts Bass-Arien-Schaffen, das die Virtuosität und Ausdruckskraft der tiefen Männerstimme in einer Weise hervorhebt, die zu seiner Zeit selten war. Sie verlangt vom Bassisten nicht nur eine makellose Technik und einen großen Stimmumfang, sondern auch ein tiefes Verständnis für die dramatische und komödiantische Nuancierung der Rolle Guglielmos.
In Konzertprogrammen und auf Tonträgern hat sich „Rivolgete a lui lo sguardo“ als eigenständiges Bravourstück etabliert und wird von führenden Bassisten weltweit geschätzt. Sie ist ein Zeugnis von Mozarts Fähigkeit, selbst aus einem „unbenutzten“ Werk eine Komposition von höchstem musikalischem Wert zu schaffen, die auch Jahrhunderte später noch das Publikum begeistert und Interpreten herausfordert.