Die Kirchenkantate 'Alles nur nach Gottes Willen', BWV 72, gehört zu den tiefgründigsten Schöpfungen Johann Sebastian Bachs und ist ein herausragendes Beispiel für die Verschmelzung von lutherischer Theologie und musikalischer Genialität.

Leben und Entstehung

Diese Kantate wurde von Johann Sebastian Bach in Leipzig für den 3. Sonntag nach Epiphanias komponiert und am 13. Januar 1726 zum ersten Mal aufgeführt. Sie entstand im Rahmen von Bachs drittem Leipziger Kantatenjahrgang, der eine Reihe von Werken umfasst, die oft auf Texten älterer Provenienz basieren, hier vermutlich eine Adaption aus einem Kantatenjahrgang Erdmann Neumeisters von 1714/15. Bachs Fähigkeit, bestehende Libretti zu adaptieren und mit neuer, tiefsinniger Musik zu versehen, zeigt sich hier exemplarisch. Der zentrale Gedanke der Kantate, die bedingungslose Unterwerfung unter den göttlichen Willen, war ein Eckpfeiler des lutherischen Glaubens und fand in Bach einen kongenialen musikalischen Interpreten.

Werk und Eigenschaften

Die Kantate BWV 72 ist für Soli (Sopran, Alt, Bass), einen vierstimmigen Chor (der nur im Schlusschoral erklingt), Oboe d'amore, Streicher und Basso continuo besetzt und gliedert sich in sechs Sätze:

1. Aria (Alt): 'Alles nur nach Gottes Willen': Der Eröffnungssatz ist ein expressives Largo in h-Moll, das die zentrale Aussage der Kantate in einer intimen und melancholischen, doch zugleich festen Haltung einführt. Die obligate Oboe d'amore spielt hier eine herausragende, schwebende und nachdenkliche Rolle, die den Altpart umflicht und verstärkt. 2. Recitativo (Alt): 'O wie viele Sorgen drücken': Ein secco-Rezitativ, das die Sorgen und Ängste des Gläubigen schildert, um die Notwendigkeit der Hingabe zu unterstreichen. 3. Aria (Sopran): 'Mein Jesus will es tun': Ein lebhaftes und zuversichtliches Da-capo-Arie in G-Dur, in dem der Sopran seine feste Zuversicht auf Gottes Hilfe und Führung zum Ausdruck bringt. Auch hier ist die Oboe d'amore ein wichtiger Dialogpartner, der die optimistische Stimmung unterstreicht. 4. Recitativo (Bass): 'Und obwohl sonst der Unbestand': Ein weiteres Rezitativ, das die menschliche Schwäche und die Vergänglichkeit des Irdischen thematisiert, um die Beständigkeit des göttlichen Willens hervorzuheben. 5. Aria (Bass): 'So sei nun, Seele, deine': Ein kraftvolles und entschiedenes Da-capo-Aie in e-Moll, das die Seele zur festen Entschlossenheit aufruft, sich dem göttlichen Willen zu übergeben und ihm treu zu bleiben. Die rhythmische Energie des Satzes spiegelt die entschlossene Haltung wider. 6. Choral: 'Was mein Gott will, das g'scheh allzeit': Die Kantate kulminiert in einem vierstimmigen, schlichten und doch ergreifenden Choral auf die Melodie von 'Was mein Gott will, das g'scheh allzeit' (nach der Melodie von 'Ach Gott, vom Himmel sieh darein' von Martin Luther). Dieser Schlusschorale, der die gesamte Gemeinde in den Lobpreis einbezieht, bekräftigt die Botschaft der Kantate und spendet Trost und Gewissheit.

Bachs Meisterschaft zeigt sich in der eindringlichen Textausdeutung, der sorgfältigen Wahl der Affekte und der virtuosen Führung der Soloinstrumente, insbesondere der Oboe d'amore, die sowohl als Ausdrucksträger von Melancholie als auch von hoffnungsvoller Zuversicht dient.

Bedeutung

'Alles nur nach Gottes Willen' ist mehr als eine Kirchenkantate; sie ist eine musikalische Meditation über einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens, der bis heute Relevanz besitzt. Sie demonstriert Bachs tiefes theologisches Verständnis und seine unvergleichliche Fähigkeit, komplexe spirituelle Botschaften in musikalische Form zu gießen. Das Werk gehört zu denjenigen Kantaten, die die individuelle Glaubenserfahrung des Hörers ansprechen und durch ihre emotionale Tiefe und musikalische Schönheit berühren. Als Teil des reichen Leipziger Kantatenwerks J. S. Bachs festigt sie seinen Ruf als einer der größten Komponisten aller Zeiten, dessen Musik über die Jahrhunderte hinweg Menschen inspiriert und Trost spendet.