Leben/Entstehung

Johann Sebastian Bachs Johannespassion (BWV 245) erlebte ihre Uraufführung am Karfreitag 1724 in der Nikolaikirche zu Leipzig. Bereits ein Jahr später, am Karfreitag 1725, führte Bach eine stark überarbeitete Fassung des Werkes auf, wiederum in der Nikolaikirche. Diese zweite Fassung, deren Autograph leider nicht vollständig erhalten ist, belegt Bachs permanente Auseinandersetzung mit seinen eigenen Kompositionen und den jeweils aktuellen Aufführungsbedingungen. Die Gründe für die tiefgreifenden Revisionen sind vielfältig: Sie reichen von Bachs künstlerischem Perfektionsanspruch über mögliche liturgische oder theologische Vorgaben bis hin zur Erprobung neuer Textdichtungen. Insbesondere die Ersetzung und Hinzufügung von Arien und Chorälen markiert einen entscheidenden Unterschied zur ersten Fassung und gibt Einblicke in Bachs kreativen Prozess und seine Reaktionen auf zeitgenössische ästhetische und theologische Strömungen.

Werk/Eigenschaften der Arien der 2. Fassung

Die zweite Fassung der Johannespassion ist vor allem durch signifikante Umgestaltungen im Bereich der Arien geprägt. Zwei Stücke stechen hier besonders hervor:

1. 'Zerschmettert mich, ihr Felsen und ihr Hügel' (Nr. 11a, Bass-Arie)

Diese dramatische Arie für Bass mit konzertierender Oboe da caccia (oder Oboe d'amore) ersetzte die original Bach'sche Tenor-Arie 'Ach, mein Sinn'. Der Text von 'Zerschmettert mich' ist zwar nicht direkt aus der Brockes-Passion entnommen, weist aber stilistisch eine ähnliche, affektgeladene Diktion auf. Er drückt die verzweifelte Reue des Petrus nach seiner Verleugnung Jesu aus. Musikalisch ist die Arie von extremer Intensität, gekennzeichnet durch:

  • Dramatische Textausdeutung: Bach illustriert die 'zerschmetternde' Qual und die Sehnsucht nach 'Felsen und Hügeln', die den Sünder bedecken sollen, mit packenden musikalischen Gesten. Schnelle Läufe, dissonante Harmonien und eine unruhige Begleitung verstärken das Gefühl des tiefen Schmerzes und der Verzweiflung.
  • Opernhafte Expressivität: Die Arie besitzt eine fast opernhafte Rhetorik, die weit über die introspektivere Lyrik von 'Ach, mein Sinn' hinausgeht und eine unmittelbare, hochempfindliche Gemütsregung darstellt.
  • 2. 'Himmel reiße, Welt erbebe' (Nr. 19a, Tenor-Arie)

    Diese Arie wurde zusätzlich in die zweite Fassung eingefügt. Ihr Text stammt direkt aus Barthold Heinrich Brockes' berühmter Passionsdichtung 'Der für die Sünden der Welt gemarterte und sterbende Jesus' (entstanden 1712). In dieser Arie reflektiert der Tenor über die Erschütterung der gesamten Schöpfung angesichts des Leidens Christi. Musikalische Merkmale umfassen:

  • Bildhafte Klangsprache: Bach setzt die drastischen Bilder des Textes – 'Himmel reiße', 'Welt erbebe', 'Felsen splittern', 'Gräber aufgethan' – mit heftigen Streicherfiguren, Tremoli und markanten Rhythmen um, die eine kosmische Katastrophe evozieren.
  • Affektive Dichte: Die Arie ist ein Paradebeispiel für die barocke Affektenlehre, wobei der Schock und das Mitleiden mit dem Gekreuzigten musikalisch eindringlich dargestellt werden.
  • Neben diesen Arien ersetzte Bach auch den ursprünglichen Eingangschor 'Herr, unser Herrscher' durch den späteren Eingangschor der Matthäuspassion, 'O Mensch, bewein dein Sünde groß', und integrierte neue Choralsätze mit Texten von Christian Weise, die ebenfalls den Einfluss zeitgenössischer Dichtung bezeugen.

    Bedeutung

    Die zweite Fassung der Johannespassion und insbesondere ihre Arienumbauung sind von erheblicher musikwissenschaftlicher und werkgeschichtlicher Bedeutung:

  • Dokument des Schöpfungsprozesses: Sie demonstriert eindrucksvoll Bachs revisionsfreudige Arbeitsweise und die dynamische Natur seiner Werke, die oft in mehreren Schichten und Ausprägungen existierten. Die 1725er-Fassung ist ein Zeugnis seiner ständigen Suche nach dem bestmöglichen Ausdruck.
  • Einblick in ästhetische und theologische Strömungen: Die Hinzufügung von Arien im Stil der Brockes-Passion, wie 'Himmel reiße', und die dramatische Neuausrichtung von Stücken wie 'Zerschmettert mich', zeigen Bachs Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Passionsdichtung und einer emotional intensiveren Frömmigkeit, die im frühen 18. Jahrhundert populär war. Dies steht im Gegensatz zu seiner späteren Hinwendung zu Picanders eher allegorischer und kontemplativer Dichtung in der Matthäuspassion.
  • Herausforderung für die Aufführungspraxis: Die Existenz der verschiedenen Fassungen stellt heutige Interpreten und Dirigenten vor die Wahl der jeweils gültigen Version. Die zweite Fassung bietet eine faszinierende Alternative zu den bekannteren Fassungen von 1724 und 1749 und bereichert das Verständnis des gesamten Werkes.
  • Klangästhetische Neuausrichtung: Die neuen Arien tragen zu einer spürbaren Veränderung des emotionalen und dramaturgischen Schwerpunkts der Passion bei. Sie verstärken die Expressivität und die theologische Deutung des Leidens und der Reue, was die zweite Fassung zu einem eigenständigen und wertvollen Dokument in Bachs Œuvre macht.