Leben/Entstehung
Johann Sebastian Bachs (1685–1750) Praxis der Parodie, also die Wiederverwendung und Neukontextualisierung bestehender musikalischer Werke, ist ein zentraler Aspekt seines Schaffens. Das Weihnachts-Oratorium, BWV 248, 1734/35 komponiert und erstmals aufgeführt, ist ein Meisterwerk dieser Technik. Es setzt sich aus sechs Teilen zusammen, die für die Gottesdienste zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag und Epiphanias bestimmt waren. Der sechste Teil, überschrieben mit „Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben“, war für den Epiphanias-Tag (6. Januar) vorgesehen und bildete den triumphalen Abschluss des Gesamtwerks.Die musikalische Substanz des sechsten Teils stammt primär aus der weltlichen Glückwunschkantate *„Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!“* (BWV 214), die Bach 1733 für den Geburtstag der Kurfürstin Maria Josepha komponiert hatte. Die in der Anfrage formulierte „ältere Form“ oder „Frühform“ bezieht sich hierbei nicht auf eine gänzlich andere Komposition, sondern vielmehr auf die initialen Schritte des Parodieprozesses. Bei der Umarbeitung der profanen Musik in den sakralen Kontext des Oratoriums waren detaillierte Anpassungen (Contrafactum) des Textes an die vorhandene Melodie und oft auch subtile musikalische Retuschen notwendig, um die theologische Aussage und die prosodische Richtigkeit zu gewährleisten. Musikwissenschaftliche Untersuchungen des Autographs und frühen Aufführungsmaterials zeigen mitunter geringfügige Abweichungen von der später kanonisierten Fassung, die diese frühen Stadien der Gestaltung dokumentieren. Es handelt sich somit um einen Einblick in Bachs Werkstatt und seine iterativen Kompositionsprozesse, bevor die endgültige Fassung feststand.
Werk/Eigenschaften
Die „ältere Form“ des sechsten Teils ist daher nicht als eine dramatisch abweichende Alternative zum heute bekannten Werk zu verstehen, sondern als ein Stadium in dessen Genese. Die grundlegende musikalische Struktur, die Instrumentation mit festlichen Trompeten und Pauken, sowie die thematische Ausrichtung auf den Sieg des Glaubens und die Überwindung der Feinde Christi blieben aus der Vorlage BWV 214 erhalten und prägen den fulminanten Charakter des Schlussteils des Oratoriums.Die Unterschiede in diesen frühen Fassungsstadien sind meist minutiöser Natur: Sie können sich in geringfügigen melodischen Variationen, abweichenden Artikulationszeichen, veränderten dynamischen Vorschriften oder subtilen Anpassungen im Rezitativtext und dessen Vertonung manifestieren. Solche Details sind vor allem in kritischen Editionen wie der Neuen Bach-Ausgabe (NBA) dokumentiert und dienen als Zeugnis von Bachs akribischer Arbeitsweise. Die Herausforderung beim Contrafactum lag darin, die musikalische Rhetorik der weltlichen Vorlage, die beispielsweise auf die Huldigung einer weltlichen Herrscherin zugeschnitten war, überzeugend auf die theologische Botschaft der Epiphaniaszeit zu übertragen, ohne die musikalische Qualität zu kompromittieren.
Bedeutung
Die Erforschung der „älteren Form“ des sechsten Teils des Weihnachts-Oratoriums ist von immenser musikwissenschaftlicher Bedeutung. Sie bietet nicht nur tiefe Einblicke in Bachs kreative Ökonomie und sein meisterhaftes Adaptionsvermögen, sondern beleuchtet auch die praktische Arbeitsweise eines Thomaskantors im 18. Jahrhundert, der unter Zeitdruck neue Werke schuf, indem er auf bereits vorhandenes Material zurückgriff.Für die Bach-Forschung und die historisch informierte Aufführungspraxis sind solche Detailkenntnisse unerlässlich. Sie ermöglichen ein nuancierteres Verständnis der kompositorischen Entscheidungen Bachs, seiner Prioritäten bei der Textvertonung und der subtilen Prozesse, durch die er weltliche Musik zu höchsten sakralen Ausdrucksformen veredelte. Die Auseinandersetzung mit diesen Frühformen unterstreicht die Komplexität und Raffinesse von Bachs Schaffensprozess und bestätigt seinen Status als einer der größten musikalischen Genies der Musikgeschichte.