Leben/Entstehung

Die Kantate *Ach, was soll ich Sünder machen*, mit der Bach-Werke-Verzeichnis-Nummer BWV 89, entstand in Johann Sebastian Bachs zweitem Amtsjahr als Thomaskantor in Leipzig. Ihre Erstaufführung fand am 28. Oktober 1725, dem 22. Sonntag nach Trinitatis, statt. Das Werk ist Teil von Bachs umfangreichem Kantatenjahrgang und zeugt bereits von seiner reifen Kompositionskunst. Der unbekannte Librettist orientierte sich bei der Textgestaltung an der vorgeschriebenen Evangelienlesung des Sonntags (Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus, Lukas 16,19–31), weitete das Thema jedoch auf eine allgemeinere Betrachtung von Sünde, Reue und göttlicher Gnade aus, wobei er Material aus einem Werk von Christian Weiss dem Älteren adaptierte. Der abschließende Choral ist die siebte Strophe von Balthasar Münters Lied "Ach Herr, mich armen Sünder".

Werk/Eigenschaften

BWV 89 ist für Sopran, Alt, Tenor und Bass (Solisten), vierstimmigen Chor (SATB), Horn, zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo besetzt. Die Kantate gliedert sich in sieben Sätze:

1. Choral: „Ach, was soll ich Sünder machen?“ (Sopran solo, Horn, Oboen I/II, Streicher, B.c.) * Der Eröffnungssatz ist ungewöhnlich als Choral für Solosopran gestaltet, wobei der Chor und das Orchester die Choralmelodie im Unisono auf den ersten Schlag des Taktes verstärken, was eine besondere Intimität und gleichzeitig monumentale Wirkung erzeugt. 2. Rezitativo: „Ich habe wider Gott gehandelt“ (Bass, B.c.) * Eine tiefe, persönliche Sündenbekenntnis, die den theologischen Kern des Werkes einführt. 3. Aria: „Ein Sünder bin ich zwar“ (Alt, Oboe I, B.c.) * Ein ausdrucksvoller Satz, der die Verurteilung der eigenen Sündhaftigkeit mit einer leisen Hoffnung auf Erlösung verbindet, virtuos begleitet von der Oboe. 4. Rezitativo: „Doch Mose nimmt die Schrift“ (Tenor, B.c.) * Leitet über von der Anklage des Gesetzes zur Verheißung des Evangeliums. 5. Aria: „Gott ist gerecht in seinen Werken“ (Bass, B.c.) * Eine machtvolle und energische Darstellung von Gottes Gerechtigkeit, die die theologische Balance des Werkes unterstreicht. 6. Rezitativo: „Es reiche mir die Glaube Hand“ (Sopran, Streicher, B.c.) * Ein Moment der Zuversicht und des Flehens um Gnade, dessen warme Streicherbegleitung eine tröstliche Atmosphäre schafft. 7. Choral: „Ach Herr, mich armen Sünder“ (Chor, Horn, Oboen I/II, Streicher, B.c.) * Der Schlusschoral, ein schlichter aber ergreifender Satz, fasst das Thema der Reue und des Bittens um Vergebung in einer traditionellen Choralsatzweise zusammen.

Bach nutzt die Instrumentierung meisterhaft, um Affekte zu malen: die obligate Oboe im Alt-Arie, die Streicher im Sopran-Rezitations-Finale und das Horn, das den Eröffnungschoral prägt, sind hierfür prägnante Beispiele. Die Kontraste zwischen den Rezitativen, die die narrative und theologische Botschaft tragen, und den expressiven Arien sind charakteristisch für Bachs Kantatenstil.

Bedeutung

*Ach, was soll ich Sünder machen* ist ein herausragendes Beispiel für Bachs reife Kantatenkunst und demonstriert seine theologische Tiefe sowie seine musikalische Genialität. Sie zeigt Bachs fortentwickelten Umgang mit der Choralkantatenform, auch wenn sie keine reine Choralkantate im Sinne des dritten Leipziger Jahrgangs ist, so doch durch den eröffnenden und schließenden Choralsatz stark geprägt wird. Die dramatische Entwicklung von der Erkenntnis der Sünde über das Flehen um Gnade bis hin zum Vertrauen in Gottes Barmherzigkeit ist zutiefst menschlich und musikalisch ergreifend dargestellt.

Das Werk illustriert Bachs Fähigkeit, komplexe theologische Konzepte in überzeugende musikalische Erzählungen zu übersetzen und das spirituelle Erleben für die Gemeinde erfahrbar zu machen. Der ungewöhnliche Eröffnungssatz, in dem der Solosopran die Choralmelodie singt, gilt als wegweisend und ist Gegenstand vielfältiger musikanalytischer Studien. BWV 89 bereichert nicht nur Bachs umfassendes Sakralwerk, sondern bietet auch tiefe Einblicke in die lutherische Liturgie und Theologie der Barockzeit, was es zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Kanons geistlicher Musik macht.