Leben und Entstehung
Der Choral „An Wasserflüssen Babylon“ ist eine Paraphrase des 137. Psalms („An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.“), die 1525 von Wolfgang Dachstein, einem Zeitgenossen Martin Luthers, verfasst wurde. Er thematisiert das Leid des Volkes Israel im babylonischen Exil, die Sehnsucht nach Jerusalem und die Hoffnung auf Erlösung. Für Johann Sebastian Bach, dessen Werk tief in der lutherischen Theologie und Liturgie verwurzelt war, stellte dieser Text eine Quelle profunder Inspiration dar.
Bach setzte sich mehrfach mit diesem Choral auseinander, was seine besondere Wertschätzung für dessen Gehalt bezeugt. Die bekanntesten und bedeutendsten Bearbeitungen stammen aus seinen Leipziger Jahren: BWV 653, ein Teil der „Achtzehn Leipziger Choräle“ (entstanden um 1709-1712 in Weimar, überarbeitet und in die Sammlung aufgenommen um 1740-1748), und BWV 676 aus dem dritten Teil der „Clavier-Übung“ (1739). Diese Chronologie verdeutlicht Bachs lebenslange Beschäftigung und die sukzessive Verfeinerung seines musikalischen Ausdrucks im Umgang mit dem thematischen Material.
Werk und Eigenschaften
Bach schuf zwei Orgelbearbeitungen, die sich in ihrer Anlage und ihrem Ausdruck unterscheiden, doch beide den Gipfel der Choralbearbeitungskunst darstellen:
1. BWV 653 (Achtzehn Leipziger Choräle): Diese monumentale Choralbearbeitung, die auch eine frühere Weimarer Version (BWV 653a) einschließt, ist ein Meisterwerk der ausgedehnten Choralfantasie. Der *Cantus firmus* liegt hier, ungewöhnlich für die Weimarer Fassung (BWV 653a), im Pedal, später in der Leipziger Fassung (BWV 653) im Tenor. Bach entfaltet einen opulenten, polyphonen Satz, in dem die drei oder vier Oberstimmen ein dichtes Gewebe bilden, das von fließenden Sechzehntel- und Zweiunddreißigstelbewegungen durchzogen ist. Der *Affekt* der Klage und Sehnsucht wird durch die elegischen Melodielinien, die harmonischen Schärfen und die weiten Bögen der Komposition eindringlich vermittelt. Die ausgedehnte Form und die kontrapunktische Komplexität erheben dieses Werk zu einer Meditation von größter Intensität.
2. BWV 676 (Clavier-Übung III): Diese vierteilige, manualiter zu spielende Choralbearbeitung ist kompakter, doch nicht weniger tiefgründig. Sie ist Teil einer umfassenden Sammlung von Choralvorspielen zur lutherischen Messe und zeichnet sich durch ihre innige Expressivität aus. Bach verwendet hier einen imitatorischen Satz, in dem die Choralmelodie kunstvoll in alle Stimmen eingewoben wird. Die harmonische Sprache ist hier von einer subtilen Melancholie geprägt, die den textlichen Gehalt des Psalms – Trauer, Exil, aber auch die unerschütterliche Hoffnung – in verdichteter Form widerspiegelt. Die klangliche Wirkung ist eher nachdenklich und introspektiv als die majestätische Größe von BWV 653.
Bedeutung
Die Choralbearbeitungen Bachs zu „An Wasserflüssen Babylon“ gehören zu den unverzichtbaren Schätzen der Orgelmusik und des protestantischen Kirchengesangs. Sie sind nicht nur Zeugnisse seiner unübertroffenen kontrapunktischen Fähigkeiten und seines harmonischen Genies, sondern auch Ausdruck einer tiefen theologischen Durchdringung des Liedtextes. Bach gelingt es, die universellen Themen von Exil, Trauer, Sehnsucht und Trost in eine Klangsprache von zeitloser Gültigkeit zu fassen.
Diese Werke offenbaren die „musica poetica“ Bachs in höchster Vollendung, indem sie die rhetorischen Figuren der Musik gezielt einsetzen, um den Affekt und die Botschaft des Psalms zu verstärken. Sie sind fundamentale Pfeiler des Orgelrepertoires und stellen an den Interpreten höchste technische und interpretatorische Anforderungen. Ihre spirituelle Tiefe und künstlerische Vollkommenheit sichern ihnen einen prominenten Platz im Pantheon der abendländischen Musikgeschichte und machen sie zu einem ewigen Quell der Inspiration und Kontemplation.