Leben/Entstehung
Historischer Kontext: Das 'Orgelbüchlein' (BWV 599-644), eine Sammlung von 46 kurzen Choralvorspielen, entstand größtenteils während Johann Sebastian Bachs Weimarer Zeit (1708–1717), wo er als Hoforganist und Kammermusiker wirkte. Bachs Intention war es, sowohl die systematische Beherrschung der Choralbearbeitung zu lehren als auch eine musikalische Meditation über die Texte des Kirchenjahres zu bieten, wie das berühmte Titelblatt selbst proklamiert: „Dem Höchsten Gott allein zu Ehren, Dem Nächsten draus sich zu belehren.“
Theologische Verankerung: Die Choralmelodie „Alle Menschen müssen sterben“ (EG 528) basiert auf einem Text von Johann Georg Albinus (1652) und einer Melodie, die oft Jakob Hintze (1690) zugeschrieben wird. Sie thematisiert die universelle menschliche Erfahrung der Vergänglichkeit und das barocke „Memento mori“ – die Erinnerung an die Sterblichkeit. Bachs Bearbeitung fügt sich nahtlos in den systematischen Aufbau des Orgelbüchleins ein, das den Ablauf des Kirchenjahres und grundlegende theologische Themen musikalisch kommentiert. BWV 643 steht hierbei im Kontext der tiefgründigen Auseinandersetzung mit Tod, Leid und der ewigen Hoffnung, meist nach den Trinitatis-Chorälen.
Werk/Eigenschaften
Musikalische Form und Struktur: BWV 643 ist ein prägnantes, dreistimmiges Choralvorspiel in e-Moll, exemplarisch für die Konzentration und Dichte des Orgelbüchleins. Die verzierte Choralmelodie wird prominent in der Oberstimme (Sopran) geführt. Darunter entfalten die beiden Unterstimmen – oft als Alt und Tenor interpretiert – ein eigenständiges, dichtes kontrapunktisches Geflecht. Diese „Triosatz“-artige Anlage verleiht dem Stück eine bemerkenswerte Transparenz, klangliche Intimität und meditative Tiefe.
Kontrapunktische Kunst und Klangrede: Bach nutzt in den Begleitstimmen prägnante Motive, die den Textgehalt der Choralzeile tiefgründig reflektieren. Charakteristisch sind die durchgängig absteigenden Linien und seufzerartigen Figuren in den Mittelstimmen, die die Idee des Sterbens, des Hinabsinkens und der Vergänglichkeit subtil untermauern, ohne dabei in pure Düsternis zu verfallen. Vielmehr vermittelt die Musik eine Atmosphäre stiller Resignation und innerer Einkehr, die zugleich Trost und Würde ausstrahlt.
Harmonische und melodische Gestaltung: Die Wahl von e-Moll unterstreicht den ernsten, doch niemals hoffnungslosen Charakter des Stücks. Die Melodie des Chorals ist reich ornamentiert; diese Verzierungen dienen nicht bloß der ästhetischen Ausschmückung, sondern verstärken die expressive Kraft der Linie und verleihen ihr eine rhetorische, fast klagende Qualität. Die melodischen Phrasen der Begleitstimmen sind eng miteinander verwoben und bilden ein dichtes, doch stets transparentes Netz aus Motiven, die den choralischen Gedanken kunstvoll umspielen.
Bedeutung
Didaktischer und theologischer Wert: Innerhalb des Orgelbüchleins exemplifiziert BWV 643 meisterhaft, wie eine scheinbar einfache Choralmelodie durch kunstvolle kontrapunktische Gestaltung, expressive Figurenlehre und harmonische Finesse zu einer tiefgründigen musikalischen Predigt erhoben werden kann. Es ist ein Paradebeispiel für Bachs unvergleichliche Fähigkeit, theologische Inhalte in musikalische Metaphern zu übersetzen und die „Affekte“ des Textes unmittelbar in Klang zu fassen.
Künstlerisches Vermächtnis: Das Stück gilt als eines der emotional dichtesten und formal vollkommensten Choralvorspiele Bachs. Seine schlichte Schönheit, tiefsinnige Aussagekraft und die meisterhafte Verbindung von kompositorischer Strenge mit humanistischer Empfindung machen es zu einem populären und essenziellen Werk im Orgelrepertoire. Es verkörpert die Quintessenz von Bachs musikalischem Genius: die Verschmelzung von strenger Form, kontrapunktischer Brillanz und tiefster menschlicher Emotionalität und Spiritualität. „Alle Menschen müssen sterben“ lehrt uns musikalisch, dass auch im Angesicht des Unausweichlichen eine Form von Würde, Trost und Frieden zu finden ist, und bleibt ein leuchtendes Zeugnis der barocken Orgelkunst.