Leben/Entstehung
Der Choral „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ ist eine deutsche Paraphrase des altkirchlichen *Gloria in excelsis Deo* und wurde um 1523 von Nikolaus Decius (eigentlich: von Hofe) auf eine wohl aus dem lateinischen *Gloria* stammende Melodie verfasst. Er etablierte sich rasch als fester Bestandteil des lutherischen Gottesdienstes, insbesondere an hohen Festtagen sowie als Hauptlied für den Trinitatissonntag und allgemeine Sonntage. Johann Sebastian Bachs lebenslange Auseinandersetzung mit diesem zentralen Kirchenlied spiegelt sich in einer beachtlichen Anzahl von Orgelchorälen wider, die er über mehrere Schaffensperioden hinweg komponierte. Seine frühesten Fassungen sind wahrscheinlich in Arnstadt oder Mühlhausen entstanden, während die reifsten und musikalisch komplexesten Vertonungen aus seiner Leipziger Zeit stammen, kulminierend in der *Clavier-Übung III* (1739).
Werk/Eigenschaften
Bach schuf über ein Dutzend Choralbearbeitungen zu „Allein Gott in der Höh sei Ehr“, die eine enorme stilistische Bandbreite aufweisen. Die bedeutendsten und bekanntesten finden sich in der *Clavier-Übung III*, oft als „Deutsche Orgelmesse“ bezeichnet, wo drei unterschiedliche Bearbeitungen die theologische Botschaft der Dreifaltigkeit und des Lobpreises auf höchstem musikalischem Niveau interpretieren:
1. BWV 676 (G-Dur): Die großangelegte Pedaliter-Fassung ist ein prächtiges Orgelstück im Stil einer Trio-Sonate. Hier wird die Choralmelodie in reich ornamentierter Form meist im Sopran präsentiert, während die Unterstimmen ein komplexes kontrapunktisches Geflecht bilden. Der majestätische Charakter und die harmonische Fülle machen sie zu einer der wichtigsten Bearbeitungen. Die drei thematisch eigenständigen, jedoch motivisch verwandten Stimmen könnten symbolisch auf die Dreifaltigkeit verweisen. 2. BWV 675 (A-Dur): Die kleinere, manualiter gespielte Fassung ist intimer und feingliedriger. Oft in der Art eines Biciniums oder eines dreistimmigen Satzes gehalten, zeigt sie Bachs Meisterschaft, auch auf reduziertem Raum eine tiefe musikalische Aussage zu treffen. Die fließende Melodielinie und die transparente Satzweise stehen im Kontrast zur Monumentalität von BWV 676. 3. BWV 677 (F-Dur): Diese kurze Fughetta manualiter ist primär pädagogischer Natur und demonstriert die kontrapunktische Entwicklung eines einfachen Motivs aus der Choralmelodie. Sie dient als exemplarisches Studienobjekt für das fugierte Spiel und die Verarbeitung von Choralköpfen.
Neben diesen Hauptwerken existieren weitere bemerkenswerte Bearbeitungen:
All diese Werke demonstrieren Bachs unvergleichliche Fähigkeit, eine schlichte Kirchenliedmelodie in eine Fülle musikalischer Formen zu gießen: von der Choralfantasie über das Bicinium und die Trio-Sonate bis zur Fughetta. Gemeinsam ist ihnen die tiefe kontrapunktische Logik, die harmonische Raffinesse und die meisterhafte Ausarbeitung der Chorallinie, oft in Verbindung mit affektiven rhetorischen Figuren.
Bedeutung
Bachs Chorale zu „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ gehören zu den Höhepunkten der protestantischen Orgelkunst. Ihre Bedeutung ist vielschichtig:
In ihrer Gesamtheit bieten Bachs Vertonungen von „Allein Gott in der Höh sei Ehr“ einen tiefen Einblick in das musikalische Genie und die theologische Sensibilität des Komponisten, der die Musik als ein Instrument der Gottesverehrung und Glaubensverkündigung verstand.