Leben und Entstehung

Johann Sebastian Bachs Choralvorspiel "Alle Menschen müssen sterben" (BWV 643) ist ein zentrales Stück des *Orgelbüchleins* (BWV 599–644), einer Sammlung von 46 Choralvorspielen für Orgel, die Bach hauptsächlich während seiner Anstellung als Hoforganist und Kammermusiker in Weimar (1708–1717) komponierte. Ursprünglich als Lehrwerk konzipiert, um angehenden Organisten die Kunst des Choralvorspiels zu vermitteln – insbesondere in Bezug auf die Entwicklung von Motiven aus dem Choral, die Harmonisierung und die Technik des Pedalspiels – wuchs das *Orgelbüchlein* zu einem der emotional dichtesten und theologisch tiefgründigsten Zyklen Bachs heran. Jedes Vorspiel ist eine musikalische Auslegung des zugrundeliegenden Chorals und seines Textes, oft mit direkten Bezügen zu den liturgischen Anforderungen des Kirchenjahres. Der Choral "Alle Menschen müssen sterben" basiert auf der Melodie von Johann Rosenmüller (1652) und dem Text von Johann Georg Albinus (1652), der die universelle Sterblichkeit und die Hoffnung auf Erlösung thematisiert – eine Thematik, die Bach in dieser Periode seines Lebens immer wieder beschäftigte und die er mit tiefer Empathie und Frömmigkeit verarbeitete.

Werk und Eigenschaften

BWV 643 ist ein Meisterwerk der musikalischen Affektenlehre und des kontrapunktischen Ausdrucks. Das Stück ist in g-Moll gehalten und erzeugt von Anfang an eine Atmosphäre von tiefer Ernsthaftigkeit und erhabener Trauer. Die Choralmelodie erscheint klar und würdevoll in der Oberstimme (Sopran), umspielt von einem kunstvollen Netz aus drei Begleitstimmen. Besonders charakteristisch ist die chromatisch absteigende Basslinie im Pedal, die durch ihren kontinuierlichen Gang (Passus duriusculus) ein klassisches Trauermotiv darstellt und unmittelbar das Vergehen und die Last der Sterblichkeit symbolisiert. Diese "Seufzerfiguren" und die reiche Harmonik, die oft in dissonante Reibungen mündet, verstärken den Ausdruck von Melancholie und Nachdenklichkeit. Trotz der vorherrschenden Moll-Tonalität und des ernsten Sujets vermeidet Bach jede billige Sentimentalität. Stattdessen verleiht er dem Werk durch seine präzise Satztechnik und die organische Entwicklung der Motive eine universelle menschliche Würde und eine tröstliche Schönheit, die über die bloße Darstellung des Todes hinausgeht. Die klare Struktur und die meisterhafte Beherrschung des Polyphonie machen es zu einem Lehrstück für Prägnanz und Ausdruckskraft.

Bedeutung

"Alle Menschen müssen sterben" (BWV 643) ist weit mehr als ein technisches Übungsstück; es ist ein bewegendes musikalisches Memento Mori, das die existentielle Wahrheit der Sterblichkeit mit dem christlichen Hoffnungsglauben verbindet. Das Choralvorspiel steht exemplarisch für Bachs Fähigkeit, theologische Inhalte in musikalische Strukturen zu übersetzen, die sowohl intellektuell anspruchsvoll als auch emotional tief berührend sind. Es zeugt von Bachs tiefem Verständnis für die menschliche Kondition und seine Fähigkeit, universelle Themen – Leben, Tod, Hoffnung – in zeitlose musikalische Form zu gießen. Im Kontext des *Orgelbüchleins* festigt es Bachs Ruf als "Lexikon" des Choralvorspiels, das Generationen von Organisten und Komponisten inspiriert hat. Seine musikalische Sprache, geprägt von kontrapunktischer Brillanz und emotionaler Tiefe, macht es zu einem der meistgeliebten und am häufigsten aufgeführten Choralvorspiele Bachs und einem unverzichtbaren Bestandteil des Repertoires der Orgelmusik. Es bleibt ein klingendes Zeugnis menschlicher Endlichkeit und transzendenter Hoffnung.