# Prokofjew: Skifskaja sjujta (Ala und Lolli), op. 20

Leben und Kontext

Sergei Prokofjew (1891–1953), eine der prägendsten Gestalten der Musik des 20. Jahrhunderts, etablierte sich schon früh als *enfant terrible* der russischen Moderne. Seine Ausbildung am Sankt Petersburger Konservatorium, wo er bei Rimski-Korsakow, Ljadow und Tserepnin studierte, prägte ihn, doch schnell entwickelte er einen unverkennbar eigenen, oft provokativen Stil. Dieser war geprägt von scharfen Dissonanzen, motorischen Rhythmen und einer Vorliebe für das Groteske und Ironische, aber auch für eine tiefe, lyrische Melodik. Das Jahr 1914 markierte einen Wendepunkt in seiner Karriere, als er nach London reiste und dort erstmals auf den legendären Impresario Sergei Djagilew traf, den Gründer der Ballets Russes, der bereits Igor Stravinsky zum Ruhm verholfen hatte. Djagilew war beeindruckt von Prokofjews Kompositionen und erteilte ihm den Auftrag für ein Ballett, welches die Grundlage für die spätere "Skifskaja sjujta" bilden sollte.

Das Werk: Von „Ala und Lolli“ zur „Skifskaja sjujta“

Die unverwirklichte Ballettvision „Ala und Lolli“

Der ursprüngliche Auftrag Djagilews im Jahr 1914 sah ein Ballett mit dem Titel "Ala und Lolli" vor. Prokofjew sollte hierfür die Musik liefern, während das Libretto vom russischen Symbolisten Sergei Gorodezki stammte. Die Geschichte tauchte tief in die heidnische Mythologie der Skythen ein, einem antiken Reitervolk, das die Steppen Eurasiens bewohnte. Das Szenario umfasste die Mondgöttin Ala, den Krieger Lolli, den Sonnengott Veles und den finsteren Gott Chuzhbog. Es war eine Erzählung von primitiver Leidenschaft, Opfer und der ewigen Konfrontation zwischen Licht und Dunkelheit – ein Sujet, das in seiner archaischen Brutalität und Mystik Anklänge an Stravinskys "Le Sacre du Printemps" hatte. Prokofjew stürzte sich mit großer Energie in die Komposition, doch Djagilew, bekannt für seinen kompromisslosen Geschmack, lehnte die Partitur nach Fertigstellung des ersten Aktes ab. Er empfand die Musik als "unballettisch" und zu wenig differenziert in ihrer dramatischen Wirkung, um als Bühnenwerk zu funktionieren. Die rohe, fast barbarische Klangsprache, die Prokofjew hier entwickelte, entsprach nicht ganz Djagilews Vorstellungen von Tanzkunst.

Die Entstehung der "Skifskaja sjujta", op. 20

Unbeirrt von Djagilews Ablehnung beschloss Prokofjew, seine bereits komponierte Musik nicht zu verwerfen, sondern sie in eine eigenständige Orchestersuite umzuwandeln. So entstand 1915 die "Skifskaja sjujta" (Scythian Suite), op. 20, ein vierteiliges symphonisches Werk, das die dramatischen und musikalischen Ideen des Ballett-Szenarios aufgreift und in konzertanter Form zugänglich macht. Die Uraufführung fand 1916 in Petrograd statt, dirigiert vom Komponisten selbst, und sorgte für einen Eklat, der die musikalische Welt in Aufruhr versetzte.

Die vier Sätze der Suite lauten:

1. Die Anbetung von Weles und Ala (Invocation to Veles and Ala): Beginnt mit einer feierlichen und doch geheimnisvollen Stimmung, die die rituellen Anrufungen der Götter darstellt. Die Musik ist reich an dissonanten Akkorden und einem schweren, fast bedrohlichen Orchesterklang. 2. Der feindliche Gott und der Tanz der schwarzen Geister (The Enemy God and the Dance of the Dark Spirits): Dieser Satz ist von intensiver rhythmischer Energie und dissonanter Aggressivität geprägt, die den Kampf zwischen den guten und bösen Mächten musikalisch illustriert. Er zeichnet sich durch wilde Trommelschläge und markante Bläserfanfaren aus. 3. Die Nacht (Nocturne): Ein lyrischerer und atmosphärischerer Satz, der eine kurze Atempause von der vorhergehenden Wildheit bietet. Hier kommen Prokofjews Fähigkeit zur Schaffung von eindringlichen Melodien und schwebenden Klangfarben zur Geltung, wenngleich eine unterschwellige Spannung stets präsent bleibt. 4. Der Abschied Lollis und der Sonnenmarsch (The Departure of Lolli and the Sun's Procession): Der Schlusssatz kulminiert in einem triumphalen und ekstatischen Marsch, der den Sieg des Lichts über die Dunkelheit und die Rückkehr der Sonne symbolisiert. Er kehrt zur vollen orchestralen Pracht zurück und endet mit einem glanzvollen Finale.

Die Orchestrierung ist großformatig und virtuos, mit einem herausragenden Einsatz von Schlagwerk, kraftvollen Blechbläsern und einer insgesamt brillanten, oft schroffen Klangpalette. Prokofjew nutzte hier die gesamte Bandbreite des modernen Orchesters, um die primitive, archaische Welt der Skythen zum Leben zu erwecken.

Bedeutung und Rezeption

Die "Skifskaja sjujta" markiert einen Höhepunkt in Prokofjews früher Schaffensperiode und ist ein Schlüsselwerk des musikalischen Primitivismus. Ihre Bedeutung liegt auf mehreren Ebenen:

  • Entwicklung von Prokofjews Stil: Die Suite ist ein kühnes Statement Prokofjews eigener musikalischer Sprache. Sie demonstriert seine Meisterschaft in der Schaffung massiver Klangblöcke, komplexer Rhythmen und einer innovativen Harmonik, die weit über die Konventionen seiner Zeit hinausging. Sie festigte seinen Ruf als musikalischer Radikaler.
  • Vergleich mit Stravinsky: Die "Skifskaja sjujta" wird oft als Prokofjews Antwort oder Parallele zu Stravinskys "Le Sacre du Printemps" betrachtet, das nur drei Jahre zuvor uraufgeführt wurde. Beide Werke teilen thematisch die Faszination für heidnische Rituale und eine musikalische Sprache, die auf rohe Kraft und primitive Energie setzt. Während Stravinskys Werk im Tanz verankert war, zeigte Prokofjew, dass diese Art von Musik auch in konzertanter Form eine enorme Wirkung entfalten konnte.
  • Eklat bei der Uraufführung: Die Premiere der Suite unter Prokofjews Leitung war ein Skandal. Die Zuhörer waren gespalten zwischen Begeisterung und Empörung über die vermeintliche Brutalität und den ohrenbetäubenden Lärm. Alexander Glasunow verließ den Saal vorzeitig und beklagte sich über die "unerträgliche Kakophonie". Dies war jedoch genau die Reaktion, die Prokofjew als Provokateur und Erneuerer der Musik suchte und die seinen Ruf als Avantgardisten weiter festigte.
  • Bleibende Wirkung: Trotz der anfänglichen Kontroversen hat sich die "Skifskaja sjujta" als eines der wichtigsten und am häufigsten gespielten Orchesterwerke Prokofjews etabliert. Sie steht stellvertretend für eine Epoche des musikalischen Umbruchs und zeugt von Prokofjews unbeirrbarer künstlerischer Vision. Das Werk fasziniert bis heute durch seine immense Energie, seine dramatische Intensität und die plastische Darstellung einer mythischen Welt, die allein durch die Kraft der Musik lebendig wird. Es ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie ein abgelehntes Ballettkonzept in eine triumphale konzertante Form überführt werden kann.