Leben/Entstehung

Paul Hindemiths Oratorium *Ein Requiem für die, die wir lieben (When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd)* entstand in den Jahren 1945/46 in den Vereinigten Staaten, wo der Komponist seit 1940 im Exil lebte. Das Werk wurde von Robert Shaw und dem Collegiate Chorale in Auftrag gegeben, um des ersten Todestages des US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt (12. April 1945) zu gedenken. Hindemith, tief bewegt von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und dem Verlust seiner europäischen Heimat, fand im Gedicht „When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd“ (1865) von Walt Whitman eine universelle Ausdrucksform für Trauer und Hoffnung. Whitman hatte seine Elegie nach der Ermordung Abraham Lincolns verfasst, doch die universellen Themen von Verlust, Erinnerung und dem Trost der Natur sprachen Hindemith unmittelbar an und reflektierten seine eigenen Empfindungen angesichts der globalen Katastrophe. Die Uraufführung fand am 14. Mai 1946 in der Carnegie Hall in New York unter der Leitung von Robert Shaw statt, mit dem Komponisten selbst als Bratschisten im Orchester.

Werk/Eigenschaften

Das Requiem ist formal kein liturgisches Werk, sondern ein weltliches Oratorium für Mezzosopran, Bariton, Chor und großes Orchester. Es ist in elf Sätze gegliedert, die eng der Struktur und dem Inhalt von Whitmans Gedicht folgen. Die Musik folgt den drei Hauptsymbolen des Gedichts: der Flieder (als Symbol der Erinnerung und der Liebe), der Stern (als Symbol für den Verstorbenen und die Opfer) und der Drossel (als Symbol für die tröstliche, ewige Natur und die Stimme des Poeten).

Hindemiths musikalischer Stil ist in diesem Werk in seiner Reife erkennbar: Eine erweiterte Tonalität, die sich von traditioneller Dur-Moll-Tonalität löst, ohne jedoch in freie Atonalität zu verfallen; eine meisterhafte polyphone Stimmführung, die dem kontrapunktischen Erbe Bachs verpflichtet ist; und eine klare, architektonische Formgebung. Die Orchesterbehandlung ist transparent und farbenreich, wobei Hindemith bewusst auf opulente Effekte verzichtet, um die textliche Aussage zu unterstreichen. Die Chorpartien sind anspruchsvoll und vielschichtig, während die beiden Solisten – der Bariton verkörpert oft den trauernden Sprecher und der Mezzosopran die tröstende Stimme der Drossel – lyrische und dramatische Akzente setzen. Besonders eindringlich ist der neunte Satz, das „Death Carol“ der Drossel, eine der bewegendsten Passagen des Werkes.

Bedeutung

*Ein Requiem für die, die wir lieben* gilt als eines der Hauptwerke von Hindemiths amerikanischer Schaffensperiode und als eine seiner persönlichsten und expressivsten Kompositionen. Es überwindet seinen ursprünglichen Anlass und spricht mit seiner tiefen Auseinandersetzung mit Trauer, dem Andenken an die Toten und der Suche nach Trost ein universelles Publikum an. Das Requiem etablierte Hindemiths Position als bedeutender Komponist großer vokal-symphonischer Werke des 20. Jahrhunderts und demonstrierte seine Fähigkeit, seine oft als intellektuell wahrgenommene Musiksprache mit tiefgreifender menschlicher Emotion zu verbinden. Obwohl es nicht die gleiche Aufführungshäufigkeit wie etwa Brittens *War Requiem* erreicht, wird es von Kennern als ein Meisterwerk geschätzt, das Hindemiths humanistisches Ethos und seine künstlerische Reife in einzigartiger Weise zum Ausdruck bringt. Es bleibt ein Zeugnis der Kraft der Musik, angesichts von Verlust und Zerstörung Trost und Sinn zu spenden.