Leben/Entstehung
„Apparebit repentina dies“ entstand im Jahr 1947 während Paul Hindemiths Zeit in den Vereinigten Staaten, wo er seit 1940 lebte und lehrte. Die Kantate wurde von Robert Shaw und dem Collegiate Chorale für ein Festival in New York in Auftrag gegeben und dort am 20. April 1947 uraufgeführt. Zu dieser Zeit hatte Hindemith bereits eine bedeutende Entwicklung von seinen frühen radikalen Phasen hin zu einem reiferen, tonzentrierten und kontrapunktisch dichten Stil vollzogen. Die Wahl des Textes, ein mittelalterliches lateinisches Gedicht, das traditionell Thomas von Celano zugeschrieben wird und das Jüngste Gericht (verwandt mit dem *Dies Irae*) thematisiert, spiegelt Hindemiths tiefe philosophische und theologische Interessen sowie seine lebenslange Faszination für alte musikalische und literarische Formen wider. Das Werk entstand in einer Phase, in der sich Hindemith nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs verstärkt ethischen und spirituellen Fragen zuwandte, was sich auch in anderen späten Vokalwerken wie dem Requiem *When Lilacs Last in the Dooryard Bloom'd* manifestiert.
Werk/Eigenschaften
„Apparebit repentina dies“ ist eine großangelegte Kantate für vierstimmigen gemischten Chor (SATB) und ein imposantes Blechbläserensemble (4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 1 Tuba). Die ungewöhnliche, doch klanglich eindringliche Instrumentierung betont die ernste und feierliche Natur des Themas. Das Werk ist in acht aufeinanderfolgende Abschnitte unterteilt, die der Struktur des Gedichts folgen und eine dramatische und emotionale Reise von der Verkündung des Gerichts bis zur Bitte um Erlösung durchlaufen:
1. Chor: `Apparebit repentina dies` 2. Chor: `Ecce rex venit` 3. Chor: `Ergo vigilate!` 4. Chor: `Sunt tuba, buccina` 5. Chor: `Deus, judex terribilis` 6. Chor: `Judex adest` 7. Chor: `Quo fugiam` 8. Chor: `Vigilate igitur`
Musikalisch zeichnet sich das Werk durch eine meisterhafte Beherrschung des Kontrapunkts aus, typisch für Hindemiths späten Stil. Die harmonische Sprache ist geprägt von seiner charakteristischen „harmonischen Fluktuation“, die Tonalität nicht im traditionellen Sinne aufhebt, sondern erweitert und modifiziert, oft mit einem polytonalen Einschlag. Die Melodieführung ist prägnant und eng an die lateinische Textdeklamation gebunden, von choralartigen, homophonen Passagen bis hin zu komplexen Fugati. Die Rhythmik ist abwechslungsreich und dient der Unterstreichung der Textaussage, von gravitätisch schreitenden Takten bis zu vorwärtsdrängenden, dramatischen Abschnitten. Das Blechbläserensemble liefert eine breite Palette an Klangfarben, von dunkler Majestät bis zu strahlender Kraft, die die erhabene und zugleich furchteinflößende Vision des Jüngsten Gerichts kongenial untermalt. Die Verbindung von archaisierendem Text und modernem, doch zugänglichem Klangidiom schafft eine zeitlose Wirkung.
Bedeutung
„Apparebit repentina dies“ nimmt eine herausragende Stellung in Hindemiths Vokalschaffen ein und gilt als eines seiner wichtigsten a-cappella-Werke mit instrumentaler Begleitung. Es demonstriert seine Fähigkeit, große Chor- und Instrumentalkräfte mit außerordentlicher Meisterschaft zu führen und tiefe theologische sowie philosophische Inhalte musikalisch zu durchdringen. Das Werk ist nicht nur ein Zeugnis seiner kompositorischen Reife und seines unverwechselbaren Personalstils, sondern auch ein eindringliches Statement über universelle Themen wie Gerechtigkeit, Sühne und die menschliche Bestimmung. Es gehört zum Standardrepertoire anspruchsvoller Chöre und Orchester und wird von Musikkritikern und Publikum gleichermaßen für seine handwerkliche Perfektion, seine expressive Kraft und seine einzigartige klangliche Ästhetik geschätzt. Die Kantate bekräftigt Hindemiths Ruf als einen der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, der Tradition und Innovation auf unvergleichliche Weise zu verbinden wusste.