# Pelham Humfrey: Anthems
Leben
Pelham Humfrey (ca. 1647–1674) war ein herausragender englischer Komponist der Restaurationszeit. Seine musikalische Laufbahn begann früh als Chorknabe in der Chapel Royal, die nach der Auflösung durch die puritanische Herrschaft unter Karl II. neu belebt wurde. Humfrey gehörte zu den „Children of the Chapel Royal“, einer Gruppe talentierter junger Musiker, die von König Karl II. persönlich nach Frankreich geschickt wurden, um dort die neuesten musikalischen Strömungen, insbesondere den Stil Jean-Baptiste Lullys, zu studieren. Dieser Aufenthalt, der vermutlich zwischen 1664 und 1667 stattfand, war prägend für Humfreys spätere Kompositionen. Nach seiner Rückkehr bekleidete er mehrere angesehene Positionen, darunter „Gentleman of the Chapel Royal“ (1667) und später „Master of the Children of the Chapel Royal“ (1672). Sein vielversprechendes Leben fand jedoch 1674 im Alter von nur 27 Jahren ein tragisches und jähes Ende.
Werk: Die Anthems
Humfreys Bedeutung ruht maßgeblich auf seinen etwa 20 erhaltenen Anthems, die das Herzstück seines Schaffens bilden. Diese Werke sind ein herausragendes Beispiel für die Verschmelzung englischer Musiktradition mit kontinentalen Innovationen, die er während seines Frankreichaufenthalts kennengelernt hatte.
Man unterscheidet grundsätzlich zwei Typen von Anthems:
Full Anthems: Diese sind meist durchgehend choral und polyphon komponiert, oft in einem eher traditionellen Stil, der an die englische Renaissance erinnert.
Verse Anthems: Hier wechseln sich solistische „Verse“ (oft für ein oder mehrere Solisten) mit choralen Abschnitten ab. Humfrey war ein Meister dieser Form und nutzte sie, um dramatische und expressive Textdeutungen zu ermöglichen.
Charakteristisch für Humfreys Anthems sind:
Französischer Einfluss: Die Eleganz und rhythmische Prägnanz von Lullys *grands* und *petits motets* ist deutlich spürbar, insbesondere in der Art der Orchestrierung (Streicher, Continuo) und der Behandlung der Solo-Stimmen.
Dramatische Wortdeutung: Humfrey besaß eine bemerkenswerte Fähigkeit, den emotionalen Gehalt des biblischen Textes musikalisch auszudrücken, oft durch chromatische Wendungen, unerwartete Harmonien und rhythmische Flexibilität.
Instrumentale Begleitung: Er setzte die Instrumente, insbesondere Streicher, nicht nur zur Unterstützung, sondern als integralen Bestandteil der musikalischen Aussage ein, oft mit eigenständigen Ritornellen und Zwischenspielen.
Vokale Virtuosität: Die Solostimmen fordern eine beträchtliche technische und expressive Meisterschaft, mit melismatischen Passagen und einer weitgespannten Melodik.
Bekannte Beispiele sind „O Lord my God“, „By the waters of Babylon“ und „Hear, O Heavens“, die alle die oben genannten Merkmale exemplarisch aufweisen.
Bedeutung
Pelham Humfrey gilt als eine der Schlüsselgestalten, die die Musik der englischen Restauration prägten und auf ein neues Niveau hoben. Seine Anthems markieren einen Wendepunkt in der englischen Kirchenmusik:
Brückenbauer: Er schlug eine elegante Brücke zwischen dem älteren englischen Stil (Orlando Gibbons, William Byrd) und den neuen, modischen kontinentalen Einflüssen, die er aus Frankreich mitbrachte.
Innovator des Verse Anthems: Er perfektionierte das Verse Anthem und etablierte es als die dominierende Form der Kirchenmusik der Zeit, indem er es mit einer zuvor ungekannten Dramatik und instrumentalem Reichtum ausstattte.
Einfluss auf Purcell: Humfreys Einfluss auf den jungen Henry Purcell war immens. Purcell, der selbst ein Chorknabe unter Humfrey gewesen sein könnte und später seine Position als Master of the Children übernahm, setzte viele von Humfreys Errungenschaften fort und entwickelte sie weiter. Humfreys Tod wird oft als der größte Verlust für die englische Musik vor dem Tod Purcells selbst beschrieben.
Wiederherstellung der musikalischen Pracht: Sein Werk trug maßgeblich dazu bei, die musikalische Pracht und Qualität der Chapel Royal nach den Jahren des Commonwealth wiederherzustellen.
Trotz seines kurzen Lebens hinterließ Pelham Humfrey ein kleines, aber immens wichtiges Œuvre, das die musikalische Landschaft Englands nachhaltig prägte und den Weg für die Blütezeit des englischen Barock ebnete.