Leben und Entstehung
Über das Leben von John of Fornsete ist erstaunlich wenig Konkretes bekannt. Sein Name, der sich auf eine Herkunft aus einem Ort namens Fornsete (möglicherweise in Norfolk oder Dorset) beziehen könnte, ist primär durch seine einzige gesicherte Zuschreibung überliefert: die berühmte Rota „Sumer is icumen in“. Das Manuskript, das dieses Meisterwerk enthält (British Library, Harley MS 978), wird auf etwa 1260 bis 1280 datiert und stammt höchstwahrscheinlich aus der Abtei Reading in Berkshire. Es wird angenommen, dass John of Fornsete ein Mönch oder Kleriker in dieser Abtei oder ihrer Umgebung war und in der Funktion eines Skriptors oder musikalischen Arrangeurs wirkte. Die präzise Angabe seines Namens im Manuskript selbst („Johannes de Fornsete“) ist ein seltener Glücksfall in einer Zeit, in der die meisten Komponisten namenlos blieben. Dies deutet auf eine gewisse Autorität oder Anerkennung seiner Person hin, auch wenn jegliche weiteren biografischen Details im Dunkeln liegen.
Werk und Eigenschaften
John of Fornsetes musikalisches Erbe ruht fast ausschließlich auf dem Fundament von „Sumer is icumen in“. Dieses Werk ist aus mehreren Gründen ein Meilenstein der westlichen Musikgeschichte:
Polyphone Komplexität: Es ist eine der frühesten und raffiniertesten erhaltenen sechsstimmigen Kompositionen. Die Komposition besteht aus einer vierstimmigen Rota (einem ewigen Kanon) und einem zweistimmigen *pes* (wörtlich „Fuß“, ein sich wiederholnder Bodensatz oder *ostinato*), der die Basis bildet. Die vier Stimmen der Rota setzen nacheinander ein und bilden eine dichte, kunstvolle Klangstruktur, während der *pes* eine harmonische Grundlage liefert.
Mensuralnotation: Das Werk verwendet eine fortgeschrittene Form der Mensuralnotation, die präzise rhythmische Werte angibt – ein bedeutender Fortschritt in der musikalischen Aufzeichnung jener Zeit und entscheidend für die korrekte Aufführung der komplexen polyphonen Struktur.
Charakteristisch englischer Stil: „Sumer is icumen in“ ist ein Paradebeispiel für den früh-mittelalterlichen englischen Stil, der oft eine Vorliebe für Terzen und Sexten zeigte. Diese Intervalle wurden auf dem Kontinent oft als Dissonanzen vermieden, trugen aber in England zu einem als „süßer“ oder „runder“ empfundenen Klang bei, der als *gymel* oder *rondellus*-Praxis bekannt war.
Doppelte Textierung: Das Werk existiert mit einem weltlichen englischen Text, der den Sommer begrüßt („Sumer is icumen in, Lhude sing cuccu!“), sowie einem lateinischen, geistlichen Kontrafaktum („Perspice christicola“), das die Menschheit zur Betrachtung der Leiden Christi auffordert. Diese Dualität weist auf die Flexibilität und möglicherweise auch auf die Nutzung des Werkes in verschiedenen Kontexten hin.
Bedeutung
John of Fornsetes „Sumer is icumen in“ ist weit mehr als eine musikalische Kuriosität; es ist ein zentrales Dokument für das Verständnis der mittelalterlichen Musikentwicklung:
Frühe Kanon- und Rota-Form: Es ist eines der ältesten bekannten Beispiele für eine *Rota* oder einen Zirkelkanon und belegt die beeindruckende Beherrschung dieser Form bereits im 13. Jahrhundert.
Spitzenwerk der englischen Polyphonie: Das Werk ist ein unübertroffenes Zeugnis der Höhe der kompositorischen Kunst in England während des Hochmittelalters und stellt eine Brücke zwischen der frühen Organum-Praxis und den späteren komplexen Entwicklungen der englischen Chormusik dar.
Historische Relevanz: Seine Komplexität widerlegt die oft vereinfachte Vorstellung von mittelalterlicher Musik und zeigt, dass bereits im 13. Jahrhundert tiefgreifende musikalische Strukturen entwickelt wurden. Es bietet einen seltenen Einblick in eine musikalische Kultur, von der nur wenige schriftliche Zeugnisse erhalten sind.
Einfluss auf die Mensuralnotation: Die präzise rhythmische Notation des Werkes trug zur Entwicklung und Verbreitung der Mensuralnotation bei, die für die Entfaltung komplexer polyphoner Musik unerlässlich war.
Obwohl John of Fornsete eine Gestalt der Geschichte bleibt, von der wir nur fragmentarische Kenntnisse haben, sichert „Sumer is icumen in“ ihm einen Ehrenplatz in den Annalen der Musikgeschichte als ein Innovator und Meister seiner Zeit, dessen Werk bis heute fasziniert und studiert wird.