Leben und Entstehung

Alban Berg (1885–1935), eine zentrale Figur der Zweiten Wiener Schule und Schüler Arnold Schönbergs, wandte sich nach dem Welterfolg seiner Oper *Wozzeck* (1925) einem neuen monumentalen Projekt zu: der Vertonung von Frank Wedekinds sogenannten „Lulu-Tragödien“ – *Erdgeist* (1895) und *Die Büchse der Pandora* (1904). Die Arbeit an *Lulu*, die 1928 begann, war von intensiver Auseinandersetzung mit dem komplexen Stoff und einer Parallelität zu anderen bedeutenden Werken, wie dem Violinkonzert, geprägt. Berg vollendete die Komposition der ersten beiden Akte und wesentliche Teile des dritten Akts, einschließlich eines detaillierten Particells, verstarb jedoch unerwartet im Dezember 1935, bevor er die Orchestrierung des gesamten dritten Akts abschließen konnte.

Die Uraufführung der Oper fand 1937 in Zürich statt, jedoch nur in einer zweieinhalbaktigen Fassung, die mit einem instrumentierten Fragment des dritten Akts endete. Bergs Witwe, Helene Berg, verhinderte jahrzehntelang die Fertigstellung und Aufführung des vollständigen dritten Akts, den Berg skizziert hatte. Erst 1979 kam es zur Weltpremiere der vollständigen dreieinhalbaktigen Fassung an der Pariser Oper unter Pierre Boulez, nachdem der Komponist Friedrich Cerha den dritten Akt basierend auf Bergs detaillierten Skizzen meisterhaft instrumentiert hatte. Diese vollständige Fassung hat sich seither international durchgesetzt und ermöglicht eine umfassende Würdigung von Bergs dramatischer Vision.

Werkbeschreibung

*Lulu* ist ein Meisterwerk des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts und ein paradigmatisches Beispiel für Bergs innovative Nutzung der Zwölftontechnik. Das Libretto, von Berg selbst aus den Wedekind-Dramen komprimiert und neu arrangiert, zeichnet den Aufstieg und Fall der femme fatale Lulu nach. Sie ist eine Figur, die gleichermaßen betört und zerstört, scheinbar passiv die Verstrickungen ihrer Umgebung auslöst, jedoch selbst zum Spielball gesellschaftlicher Mechanismen wird und schließlich dem Mörder Jack the Ripper zum Opfer fällt.

Musikalisch ist *Lulu* ein faszinierendes Zusammenspiel von atonaler Harmonik, expressiver Melodik und einer raffinierten Orchestrierung, die sich dem psychologischen Ausdruck der Handlung vollständig unterordnet. Berg verwendet die Zwölftonreihe nicht dogmatisch, sondern als ein flexibles System zur Charakterisierung und Dramatisierung. Jede Hauptfigur ist mit einer spezifischen Reihe oder einem Reihentransformat verknüpft, was ihre Identität und ihre Beziehungen zueinander musikalisch untermauert. Bemerkenswert ist auch der Einsatz traditioneller musikalischer Formen (Sonate, Rondo, Kanon, Varianten) innerhalb des atonalen Kontextes, der dem Werk eine innere Kohärenz und Struktur verleiht.

Höhepunkte der musikalischen Gestaltung sind Lulus virtuose Arie „O Freiheit! O weite Welt!“, die expressionistische Stummfilmmusik im zweiten Akt, die als Überleitung dient, sowie das ergreifende „Lied der Gräfin Geschwitz“ im dritten Akt. Die zyklische Anlage der Handlung, in der die Männer, die Lulu lieben und an ihr zerbrechen, im dritten Akt als Freier im Londoner Bordell wiederkehren, wird von Berg auch musikalisch stringent untermauert, etwa durch die Wiederaufnahme thematischer Materialien.

Bedeutung und Rezeption

Alban Bergs *Lulu* steht exemplarisch für die musikalische Moderne des 20. Jahrhunderts und gilt neben *Wozzeck* als sein zweites Opern-Meisterwerk. Es demonstriert auf eindrucksvolle Weise, wie die serielle Kompositionstechnik zu höchstem dramatischen und emotionalen Ausdruck befähigt ist, ohne in akademische Trockenheit zu verfallen. Die Oper bietet eine scharfe gesellschaftliche Analyse der späten Wilhelminischen Ära und der Zwischenkriegszeit, die die Dekadenz, die Doppelmoral und die zerstörerischen Kräfte menschlicher Begierden ungeschönt darstellt.

Die lange und komplizierte Rezeptionsgeschichte, geprägt durch die Kontroverse um die Vollendung des dritten Akts, hat die Wirkung des Werkes über Jahrzehnte hinweg beeinflusst. Mit der Etablierung der vollständigen Fassung seit 1979 hat *Lulu* ihren unangefochtenen Platz im Repertoire der großen Opernhäuser erobert. Ihre psychologische Tiefe, musikalische Komplexität und die unvergängliche Aktualität ihrer Themen – Macht, Geschlechterrollen, Obsession und Zerstörung – machen sie zu einem immer wieder neu zu interpretierenden und zu entdeckenden Werk, das Komponisten, Regisseure und Publikum gleichermaßen herausfordert und fasziniert.