Leben und Entstehung
Wolfgang Amadeus Mozarts Beitrag zur Gattung des Kanons erstreckt sich über weite Teile seiner Schaffensperiode, wobei ein Großteil seiner bekanntesten Kanons, die oft unter der Bezeichnung „Acht Kanons“ zusammengefasst werden, in den Wiener Jahren entstanden ist. Insbesondere die zwölf Kanons des Köchelverzeichnisses K. 508 (komponiert 1786) bilden einen zentralen Bestandteil dieser Werkgruppe. Diese Kompositionen waren zumeist keine Auftragswerke für den Konzertsaal, sondern entstanden im privaten Rahmen: als musikalische Späße, Gelegenheitsstücke für den Freundeskreis, als Ausdruck seiner geselligen Natur oder auch im Kontext seiner Freimaurerbruderschaft. Sie spiegeln Mozarts Wunsch wider, auch im intimen Kreis höchste musikalische Kunstfertigkeit zu demonstrieren und dabei humorvoll-spielerisch zu sein.
Werk und Eigenschaften
Der Kanon, eine der ältesten und fundamentalsten Formen des Kontrapunkts, fordert die höchste Meisterschaft in der Führung von Stimmen, die dieselbe Melodie zeitlich versetzt imitieren. Mozart bewies in seinen Kanons eine beeindruckende Leichtigkeit und Brillanz in der Bewältigung dieser Form. Die oft unter „Acht Kanons“ zusammengefassten Stücke (häufig eine Auswahl aus K. 508 und weiteren Einzelkanons) zeichnen sich durch ihre stilistische Vielfalt aus. Sie reichen von andächtigen ("Lacrimoso son io") über intellektuell-verspielte ("Difficile lectu mihi Mars") bis hin zu jenen mit derbem oder satirischem Textgut, das Mozarts frechen, oft unkonventionellen Humor offenbart (man denke an "Leck mich im Arsch" oder "Bona nox! bist a rechter Ochs"). Musikalisch sind sie durchweg von hoher Qualität: Die Melodien sind einprägsam und oft von eingängiger Schlichtheit, während die harmonische Gestaltung subtil und raffiniert ist. Mozart versteht es meisterhaft, die oft rigorosen Regeln des Kanons so zu handhaben, dass die Musik natürlich und fließend wirkt. Die Kanons sind in der Regel für drei bis sechs Stimmen gesetzt und meistens als Vokalstücke konzipiert, die a cappella oder mit leichter Instrumentalbegleitung ausgeführt werden können. Ihre knappe Form zwingt zur Essenz des musikalischen Ausdrucks.
Bedeutung
Mozarts Kanons sind weit mehr als bloße musikalische Nebenprodukte oder kompositorische Übungen; sie sind kostbare Miniaturwerke, die seine absolute Beherrschung des Kontrapunkts, seine melodische Genialität und seinen unverkennbaren musikalischen Witz eindrucksvoll belegen. Sie gewähren einen einzigartigen, intimen Einblick in Mozarts Persönlichkeit: einerseits der tiefe Ernst und die technische Perfektion des Meisters, andererseits der lebensfrohe, bisweilen provokante Mensch. Sie zeigen einen Komponisten, der Musik in jeder Form und für jeden Anlass ernst nahm und ihr stets seinen unverwechselbaren Stempel aufdrückte. Im Kontext der Musikgeschichte repräsentieren diese Kanons die Blütezeit des geselligen Musizierens und die anhaltende Relevanz kontrapunktischer Formen. Sie sind ein Zeugnis dafür, wie selbst in der scheinbar kleinsten Form höchste musikalische Kunst und tiefgehende Aussagekraft ihren Platz finden können. Ihre anhaltende Popularität unter Sängern und Musikliebhabern unterstreicht ihren Reiz und ihre zeitlose Qualität als Beispiele für Mozarts umfassendes Genie.