# Nach dir, Herr, verlanget mich (BWV 150)

Leben

Die Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (BWV 150) gehört zu den frühesten erhaltenen Kirchenkantaten Johann Sebastian Bachs. Ihre genaue Entstehungszeit ist Gegenstand musikwissenschaftlicher Diskussionen, wird jedoch mehrheitlich in die Zeit zwischen 1707 und 1714, also Bachs Mühlhäuser oder frühe Weimarer Periode, datiert. Dies macht sie zu einem faszinierenden Zeugnis seiner künstlerischen Anfänge und seiner Entwicklung vom Organisten und Hofmusiker zum späteren Thomaskantor in Leipzig. In dieser Phase experimentierte Bach intensiv mit verschiedenen musikalischen Formen und Stilen, um eine persönliche Ausdrucksweise zu finden, die gleichermaßen tiefgründig und handwerklich brillant war.

Werk

BWV 150 ist eine Kirchenkantate für den unbekannten Anlass, basierend auf ausgewählten Versen aus Psalm 25 (V. 1-2, 5, 15) und möglicherweise einigen freien Dichtungen. Ungewöhnlich für eine Bach-Kantate dieser Zeit, verzichtet sie auf Rezitative im Secco-Stil, die später zu einem Markenzeichen seiner Werke wurden. Stattdessen sind die kurzen biblischen Texte durch längere, affektreiche Arien und Chöre miteinander verbunden. Die Besetzung ist vergleichsweise klein, aber wirkungsvoll: vier Solostimmen (SATB), vierstimmiger Chor, zwei Violinen, Fagott und Basso continuo. Die Verwendung des Fagotts als obligates Instrument ist für diese frühe Periode bemerkenswert und verleiht der Klangfarbe eine besondere Erdung und Wärme.

Die Kantate gliedert sich in sieben Sätze:

1. Sinfonia (Adagio): Ein getragenes instrumentales Vorspiel, das eine Stimmung der Sehnsucht und des Flehens etabliert. 2. Coro (Nach dir, Herr, verlanget mich): Ein polyphoner Chorsatz, der mit expressiven Motiven die Dringlichkeit des Psalmworts unterstreicht. 3. Aria (Sopran): „Doch bin und bleibe ich vergnügt“ – Eine meditative Arie, die den Glauben und die Zuversicht inmitten von Bedrängnis besingt. 4. Coro (Leite mich in deiner Wahrheit): Ein weiterer lebhafter Chorsatz, der um göttliche Führung bittet. 5. Terzett (Alt, Tenor, Bass): „Meine Augen sehen stets zu dem Herrn“ – Ein intimes Trio, das die ständige Hinwendung zu Gott musikalisch abbildet. 6. Aria (Bass): „Meinen Gott verlässt mich nicht“ – Eine resolute Arie, die das Vertrauen in Gottes Beistand bekräftigt. 7. Coro (Meine Seele wartet auf den Herrn): Ein monumentaler Schlusssatz, der oft als Chaconne oder Passacaglia interpretiert wird. Über einem variierten Basso ostinato entwickelt sich ein tiefgründiges und ergreifendes Schlussbild des Wartens und der Hoffnung.

Bedeutung

„Nach dir, Herr, verlanget mich“ ist ein herausragendes Beispiel für Bachs frühes Genie. Trotz des Fehlens der formalen Perfektion seiner späteren Leipziger Kantaten zeigt sie bereits eine erstaunliche Reife in der Textausdeutung und der musikalischen Dramaturgie. Die Kantate offenbart Bachs tiefes Verständnis für die theologische Botschaft des Psalms 25 – das Flehen um göttliche Führung, das Vertrauen in die Güte Gottes und die Hoffnung auf Erlösung. Besonders der Schlusssatz, eine der frühesten und wohl schönsten Chaconne-Chöre Bachs, demonstriert seine Meisterschaft in der Variationstechnik und im Aufbau eines großen musikalischen Bogens. Dieses Werk ist nicht nur ein wichtiges Dokument in der Entwicklungsgeschichte Bachscher Kirchenmusik, sondern auch ein bewegendes Zeugnis der musikalischen Ausgestaltung von Glauben und Sehnsucht. Es gehört zu den Werken, die Bachs Ruf als innovativer und tiefgründiger Komponist schon in jungen Jahren begründeten und die noch heute das Publikum mit ihrer Ausdruckskraft berühren.