# Johann Sebastian Bach – Choralbearbeitung: Ach, was soll ich Sünder machen (BWV 770)

Leben/Entstehung

Die Choralbearbeitung "Ach, was soll ich Sünder machen" (BWV 770) ist ein herausragendes Beispiel für Johann Sebastian Bachs meisterhaften Umgang mit dem protestantischen Kirchenlied. Obwohl keine exakte Datierung überliefert ist, wird das Werk stilistisch oft der Weimarer Periode (1708–1717) oder den frühen Köthener Jahren zugeordnet, einer Zeit, in der Bach als Hoforganist und Konzertmeister seine Kunst der Choralbearbeitung zu höchster Blüte entwickelte. Es handelt sich um ein frühes Werk, das jedoch bereits eine bemerkenswerte emotionale Tiefe und kontrapunktische Meisterschaft aufweist. Der zugrundeliegende Choral "Ach, was soll ich Sünder machen" von Georg Albinus (Text, 1667) und Johann Crüger (Melodie, 1640) ist ein Buß- und Passionslied, das tief in der lutherischen Tradition verwurzelt ist und die Klage eines Sünders angesichts seiner Verfehlungen thematisiert. Bachs intensive Auseinandersetzung mit solchen theologischen und emotionalen Themen war zentral für sein kompositorisches Schaffen und seine tief verwurzelte theologische Überzeugung.

Werk/Eigenschaften

BWV 770 ist eine Choraleinleitung für Orgel, die sich durch ihre besondere musikalische Struktur und ihre tiefgreifende emotionale Ausdruckskraft auszeichnet. Bach verzichtet hier auf eine einfache, liedhafte Darstellung der Melodie und wählt stattdessen eine hochkomplexe, polyphone Gestaltung. Das Werk ist in g-Moll gehalten, einer Tonart, die traditionell für Klage, Ernsthaftigkeit und Melancholie steht. Die originalen Melodietöne des Chorals erscheinen meist stark verziert oder werden in verschiedenen Stimmen aufgegriffen und imitatorisch verarbeitet, wodurch ein dichtes, ausdrucksstarkes Klanggewebe entsteht.

Charakteristisch für dieses Werk sind:

  • Vielstimmigkeit und Kontrapunkt: Es ist ein Paradebeispiel für Bachs polyphone Satzweise. Die einzelnen Stimmen sind reich ornamentiert und interagieren miteinander, oft in engem Dialog, was eine fortwährende musikalische Spannung erzeugt.
  • Affektgehalt: Die Musik vermittelt eine tiefe Empfindung von Klage, Buße und Demut. Dies wird durch die ausgeprägte chromatische Linienführung, insbesondere durch fallende Halbtonschritte und Dissonanzen, verstärkt, die den Textinhalt musikalisch eindringlich nachzeichnen.
  • Melodische Transformation: Die Choralmelodie ist nicht statisch, sondern wird dynamisch entwickelt und variiert, ohne ihre Erkennbarkeit zu verlieren. Bach setzt seine gesamte kontrapunktische und harmonische Kunst ein, um die emotionale Tiefe des Chorals zu ergründen.
  • Satztechnik: Die Bearbeitung ist typisch für die Tradition der Choralvorspiele, die als meditative Einleitung zum Gemeindegesang dienten, jedoch in sich ein vollständiges, autonomes Kunstwerk darstellen.
  • Neben BWV 770 verwendete Bach die Melodie dieses Chorals auch in anderen Kontexten, so beispielsweise als fünften Satz in seiner Kantate "Herr Jesu Christ, wahr' Mensch und Gott" (BWV 127), wo sie die Passionsthematik des Werkes untermauert. Diese wiederholte Verwendung unterstreicht die Bedeutung des Chorals für Bachs musiktheologische Konzeption.

    Bedeutung

    "Ach, was soll ich Sünder machen" (BWV 770) ist ein Meisterwerk innerhalb Bachs umfangreicher Sammlung von Orgelchorälen. Es demonstriert nicht nur seine virtuose Beherrschung des Kontrapunkts und der Harmonielehre, sondern auch seine einzigartige Fähigkeit, theologische Inhalte und tiefste menschliche Emotionen in Musik zu übersetzen. Das Werk ist ein eindrückliches Zeugnis der protestantischen Frömmigkeit zur Zeit Bachs und ein Schlüssel zum Verständnis seiner musikalischen Sprache. Für Organisten und Musikwissenschaftler bleibt es ein faszinierendes Studienobjekt, das immer wieder neue Einblicke in Bachs Genialität offenbart – ein Werk, das über seine liturgische Funktion hinaus als autonome Kunstform von unvergänglichem Wert geschätzt wird. Es verkörpert die Quintessenz des barocken Affekts und der kontrapunktischen Vollendung in der Gattung der Choralbearbeitung.