# Wir glauben all an einen Gott
Leben (Entstehung und Kontext)
Der Choral „Wir glauben all an einen Gott“ (Evangelisches Gesangbuch Nr. 129) ist eines der theologisch gewichtigsten Lieder der Reformationszeit und geht auf Martin Luther zurück. Um 1524 entstand dieses Lied als eine volkssprachliche Paraphrase des Nicänischen Glaubensbekenntnisses, welches seit der Spätantike als grundlegendes Credo der Christenheit gilt. Luthers Anliegen war es, die komplexen dogmatischen Inhalte des Bekenntnisses für die reformatorische Gemeinde zugänglich und singbar zu machen, um so die Lehre aktiv im Gottesdienst zu verankern. Er griff dabei auf eine vorreformatorische Melodie zurück, die möglicherweise ihren Ursprung in einer lateinischen Credo-Intonation des 15. Jahrhunderts hatte, und adaptierte sie für den Gemeindegesang. Diese Praxis der Melodieübernahme und textlichen Neudeutung war typisch für Luther und die frühe Reformation, um den Gläubigen vertraute musikalische Formen mit neuem, reformatorischem Inhalt zu füllen.Werk (Musikalische und Textliche Analyse)
Der Choral ist strophisch aufgebaut, wobei jede der drei Strophen einem Hauptartikel des Nicänischen Glaubensbekenntnisses gewidmet ist: die erste Strophe dem Glauben an Gott den Vater, den Schöpfer; die zweite dem Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser; und die dritte dem Glauben an den Heiligen Geist, die Kirche und das ewige Leben. Der Text zeichnet sich durch seine prägnante theologische Dichte und klare, volksnahe Sprache aus, die das reformatorische Prinzip des `sola scriptura` und `solus Christus` widerspiegelt.Die Melodie, oft im dorischen Modus stehend, besitzt eine archaische Würde und eine unverwechselbare, markante Gestalt. Sie ist rhythmisch einfach und eingängig, was ihre Eignung für den Gemeindegesang unterstreicht. Die Töne bewegen sich in einem moderaten Ambitus und sind durch klare Phrasierungen gegliedert, die den einzelnen Glaubensaussagen Gewicht verleihen. Diese Melodie wurde schnell zu einem unverzichtbaren Bestandteil der evangelischen Liturgie und diente unzähligen Komponisten als Grundlage für weitere musikalische Ausarbeitungen.
Bedeutung (Einfluss und Rezeption)
„Wir glauben all an einen Gott“ gehört zu den Kernstücken der evangelischen Hymnodie und hat eine unschätzbare theologische und kirchenmusikalische Bedeutung. Als Lied zum Credo wird es traditionell im Hauptgottesdienst nach der Predigt gesungen und dient der Bestätigung des gemeinsamen Glaubens. Es festigt die konfessionelle Identität und vermittelt die grundlegenden Glaubensartikel auf eindringliche Weise.Die wohl bedeutendste künstlerische Rezeption erfuhr der Choral durch Johann Sebastian Bach. In seiner berühmten `Clavier-Übung III` (der „Deutschen Orgelmesse“) nimmt „Wir glauben all an einen Gott“ eine zentrale Stellung ein. Bach vertont den Choral gleich zweifach für die Orgel: einmal als majestätische, fünfstimmige Fuge im `stile antico` (BWV 680), die die unerschütterliche Autorität des Glaubensbekenntnisses musikalisch abbildet, und einmal als leichteres, vierstimmiges Manualiter-Stück (BWV 681). Diese Werke zeigen die theologische und musikalische Tiefe, mit der Bach den Choral durchdrang. Auch andere barocke Meister wie Heinrich Schütz, Samuel Scheidt und Johann Pachelbel sowie spätere Komponisten wie Max Reger oder Hugo Distler haben diesen Choral in ihren Werken verarbeitet, was seine anhaltende Relevanz über die Jahrhunderte hinweg belegt. Bis heute ist „Wir glauben all an einen Gott“ ein lebendiger Ausdruck des christlichen Glaubens und ein fester Bestandteil des gottesdienstlichen Lebens in den evangelischen Kirchen weltweit.