# Donizetti: La favorite
Ein Meisterwerk der französischen Grand Opéra
Die Oper „La favorite“ von Gaetano Donizetti (*1797–†1848) stellt einen Höhepunkt seines Schaffens im Genre der französischen Grand Opéra dar und markiert einen wichtigen Wendepunkt in seiner Karriere. Uraufgeführt am 2. Dezember 1840 an der prestigeträchtigen Pariser Opéra, verkörpert sie meisterhaft die Synthese aus italienischem Belcanto und den dramatischen sowie szenischen Anforderungen des französischen Musiktheaters.
Historischer Kontext und Entstehung
Donizettis Weg nach Paris war geprägt vom Wunsch, auf der prestigeträchtigsten Opernbühne Europas Fuß zu fassen. „La favorite“ entstand aus einer komplexen Gemengelage von Umständen und der Notwendigkeit, bereits begonnene Projekte zu einem neuen Werk zu verschmelzen. Ursprünglich waren es zwei separate Projekte: die Opéra-comique „L'Ange de Nisida“ und die Grand Opéra „Le Duc d'Albe“. Aufgrund von Zensurproblemen und dem Ausfall einer Primadonna mussten diese Pläne in kürzester Zeit umgeworfen werden. Unter dem enormen Druck der Pariser Opernbetriebe und der hohen Erwartungen wurde der Stoff, basierend auf einer spanischen Legende, von Alphonse Royer, Gustave Vaëz und Eugène Scribe zu einem neuen Libretto für „La favorite“ umgearbeitet. Donizetti komponierte die Oper in nur wenigen Wochen, was seine außergewöhnliche Arbeitsweise, seine musikalische Meisterschaft und sein dramatisches Gespür eindrucksvoll unterstreicht. Die Uraufführung war ein Triumph und etablierte Donizetti endgültig in der Pariser Musikwelt.
Musikalische und Dramatische Charakteristika
„La favorite“ ist ein Paradebeispiel für die französische Grand Opéra: Sie umfasst vier Akte, ein obligatorisches Ballett (im dritten Akt), umfangreiche Chorszenen, oft spektakuläre Inszenierungen und eine Handlung, die historische und persönliche Dramen miteinander verknüpft. Donizettis Musik zeichnet sich durch ihren Belcanto-Stil aus, der jedoch hier um eine neue, tiefere dramatische Dimension erweitert wird. Die Gesangslinien sind virtuos, aber stets dem Ausdruck der emotionalen Zustände der Figuren untergeordnet, was den Rollen eine bemerkenswerte psychologische Tiefe verleiht.
Besonders hervorzuheben sind:
Die Oper zeichnet sich durch eine psychologische Tiefe aus, die über das reine Belcanto-Repertoire hinausgeht und die Charaktere in ihren moralischen Dilemmata glaubhaft darstellt.
Handlung (Kurzfassung)
Die Handlung spielt im Spanien des 14. Jahrhunderts:
1. Akt: Fernand, ein junger Novize des Klosters Santiago de Compostela, verliebt sich in eine geheimnisvolle Frau, die er in der Klosterkapelle getroffen hat. Er entsagt seinem Gelübde, um sie zu suchen. Die Frau ist Léonore de Guzman, die Geliebte von König Alphonse XI. Léonore erwidert Fernands Liebe, kann ihm aber ihre wahre Identität nicht offenbaren. 2. Akt: Alphonse, der Fernand für seine Tapferkeit in einem Krieg gegen die Mauren belohnen will, ernennt ihn zum Kommandanten und Grafen. Léonore, die Alphonse verlassen will, sieht in Fernand ihre Chance auf ein ehrliches Leben und arrangiert heimlich die Heirat mit ihm. 3. Akt: Alphonse, der die wahren Machenschaften nicht durchschaut und glaubt, er würde Fernand mit einer anderen Frau verehelichen, unterschreibt die Heiratsurkunde. Fernand erfährt jedoch von neidischen Höflingen die Wahrheit über Léonores Vergangenheit. Er fühlt sich zutiefst gedemütigt und betrogen. Öffentlich verstößt er sie, gibt ihr den vom König erhaltenen Titel und Besitz zurück und zerbricht sein Schwert. 4. Akt: Fernand kehrt ins Kloster zurück, wo er den Tod sucht. Léonore folgt ihm, verkleidet als Novize, um seine Vergebung zu erhalten und ihm ihre unverbrüchliche Liebe zu erklären. Fernand erkennt sie erst im Sterben. Zutiefst erschöpft und von der Hoffnung auf Vergebung erfüllt, bricht auch Léonore zusammen und stirbt an seiner Seite.
Bedeutung und Rezeption
„La favorite“ wurde ein großer und anhaltender Erfolg und etablierte Donizetti endgültig als einen der führenden Komponisten der französischen Grand Opéra. Die Oper wurde in zahlreichen Sprachen übersetzt und unter dem Titel „La Favorita“ als italienische Version weithin bekannt und populär, was zu ihrer weltweiten Verbreitung beitrug. Sie beeinflusste nachfolgende Generationen von Komponisten, indem sie zeigte, wie man die italienische Belcanto-Tradition mit den dramatischen und inszenatorischen Anforderungen des französischen Theaters verbinden konnte und setzte neue Standards für emotionale und musikalische Tiefe im Grand-Opéra-Genre.
Ihre anhaltende Popularität verdankt sie nicht nur der Schönheit und Eleganz der Musik, sondern auch der universellen Tragik ihrer Geschichte – dem unauflöslichen Konflikt zwischen Liebe und Ehre, Vergebung und Vorurteil. „La favorite“ bleibt ein Kernstück des Opernrepertoires, das Donizettis Meisterschaft als Dramatiker und Komponist eindrucksvoll unter Beweis stellt und seinen Platz im Pantheon der Operngeschichte festigt. Es ist ein Werk, das sowohl musikalische Virtuosität als auch tiefgreifende menschliche Emotionen in einer meisterhaften Synthese vereint.