# Tschaikowski: 2. Sinfonie c-Moll op. 17 („Die Ukrainische“)

Die Zweite Sinfonie in c-Moll op. 17 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski, liebevoll als „Die Ukrainische“ oder historisch als „Die Kleinrussische“ bekannt, nimmt eine einzigartige Stellung im Œuvre des Komponisten ein. Entstanden in einer Schaffensphase, die von einer tiefen Auseinandersetzung mit russischen und ukrainischen Volksweisen geprägt war, zählt sie zu Tschaikowskis zugänglichsten und strahlendsten Frühwerken.

Leben und Entstehung

Tschaikowski verbrachte die Sommermonate des Jahres 1872 auf dem Landgut seiner Schwester Alexandra Dawydowa in Kamenka (heute Kamjanka, Ukraine), einer Region, die reich an ukrainischer Folklore und Musik ist. Diese Umgebung inspirierte ihn zutiefst und legte den Grundstein für die Komposition seiner zweiten Sinfonie. Er schrieb das Werk in verhältnismäßig kurzer Zeit und nutzte dabei explizit drei ukrainische Volkslieder als thematisches Material, was der Sinfonie ihren charakteristischen Beinamen einbrachte. Die Uraufführung fand am 26. Januar 1873 in Moskau unter der Leitung von Nikolai Rubinstein statt und war ein großer Erfolg. Trotz der anfänglich positiven Resonanz unterzog Tschaikowski das Werk zwischen 1879 und 1880 einer umfassenden Revision, bei der er insbesondere den ersten Satz stark kürzte und umarbeitete, um ihn kompakter und wirkungsvoller zu gestalten. Die heute meistgespielte Version ist diese revidierte Fassung.

Werkbeschreibung

Die Sinfonie ist in vier Sätzen gegliedert und zeichnet sich durch eine brillante Orchestrierung und eine tief verwurzelte volksmusikalische Atmosphäre aus:

I. Andante sostenuto – Allegro vivo

Der erste Satz beginnt mit einer melancholischen, choralartigen Einleitung, die auf dem ukrainischen Volkslied „Der Kranich“ (Журавель, *Zhuravel*) basiert, das hier in einer Hornsolostelle präsentiert wird. Dieses Thema bildet auch das Fundament für das Allegro vivo, wo es virtuos variiert und kontrapunktisch verarbeitet wird. Tschaikowski demonstriert hier seine Fähigkeit, ein einfaches Volksliedmotiv zu einem komplexen sinfonischen Satz zu entwickeln, wobei er dessen ursprüngliche Stimmung bewahrt und gleichzeitig eine mitreißende Dynamik entfaltet.

II. Andantino marziale, quasi moderato

Ursprünglich als Hochzeitsmarsch für eine unveröffentlichte Oper konzipiert, besitzt dieser Satz einen charmanten, fast märchenhaften Charakter. Er greift das ukrainische Volkslied „Spin, mein Spinner“ (Пряди, моя пряха, *Pryadi, moya pryakha*) auf und präsentiert es in einer reizvollen Kombination aus marschartiger Strenge und lyrischer Anmut. Ein kontrastierendes Trio-Thema, das an eine Polka erinnert, sorgt für Abwechslung, bevor der Marsch zurückkehrt.

III. Scherzo. Allegro molto vivace

Das Scherzo ist ein energiegeladener, spritziger Satz in typischer dreiteiliger Form. Obwohl hier keine direkten Volksliedzitate verwendet werden, atmet die Musik den Geist slawischer Tänze. Seine rhythmische Vitalität und orchestrale Brillanz machen ihn zu einem Höhepunkt der Sinfonie, der die technischen Fähigkeiten des Orchesters fordert und das Publikum in seinen Bann zieht.

IV. Finale. Moderato assai – Allegro vivo

Das Finale ist der Höhepunkt der sinfonischen Verarbeitung von Volksliedmaterial. Es beginnt mit einer feierlichen Fanfare, bevor erneut das Lied „Der Kranich“ als Hauptthema des Satzes in einer Reihe glänzender und virtuoser Variationen vorgestellt wird. Tschaikowski entfaltet hier ein orchestrales Feuerwerk, das von schimmernden Holzbläsern bis zu majestätischen Blechbläsern reicht und die Sinfonie zu einem triumphalen und festlichen Abschluss bringt. Das Finale ist ein Meisterwerk der thematischen Entwicklung und Orchestrierung, das die populäre Melodie in immer neuen Facetten präsentiert.

Bedeutung und Rezeption

Die 2. Sinfonie nimmt eine besondere Stellung in Tschaikowskis Gesamtwerk ein. Sie markiert einen wichtigen Schritt in seiner künstlerischen Entwicklung, in der er sich intensiv mit dem Erbe der russischen Nationalisten auseinandersetzte, insbesondere mit den Werken der „Gruppe der Fünf“, die ebenfalls Volksmusik als Inspirationsquelle nutzten. Tschaikowski zeigte jedoch seinen eigenen, einzigartigen Ansatz, indem er die Volksweisen nicht nur zitierte, sondern organisch in die klassische Sinfonieform integrierte und sie zu einem integralen Bestandteil der sinfonischen Erzählung machte.

Der ursprüngliche Beiname „Kleinrussische“ (Малороссийская, *Malorossiyskaya*) stammt vom Musikwissenschaftler Nikolai Kaschkin und bezog sich auf die historische Bezeichnung „Kleinrussland“ für die Ukraine innerhalb des Russischen Reiches. Angesichts der heutigen Eigenstaatlichkeit und nationalen Identität der Ukraine hat sich im deutschen Sprachraum die Bezeichnung „Die Ukrainische“ etabliert, die der kulturellen Herkunft der verwendeten Melodien und der modernen Sichtweise besser gerecht wird.

Die Sinfonie war zu Lebzeiten Tschaikowskis populär und wird auch heute noch für ihre Lebendigkeit, ihren Charme und ihre meisterhafte Orchestrierung geschätzt. Sie ist ein strahlendes Beispiel für die gelungene Synthese von klassischer Form und volksmusikalischer Substanz und bietet einen faszinierenden Einblick in Tschaikowskis frühes Genie und seine tiefe Verbindung zur slawischen Musikkultur.