WERKE
Sergei Prokofjew: Ballett »Ala und Lolli«
Leben und Entstehung
Das Ballett »Ala und Lolli« entstand in den Jahren 1914 bis 1915 als Auftragswerk für Sergei Diaghilews wegweisende Ballets Russes. Prokofjew, damals noch ein junger, aufstrebender Komponist, zeigte sich begeistert von dem Sujet. Das Libretto, verfasst von Sergei Gorodezki, basierte auf antiker skythischer Mythologie und erzählte die Geschichte der jungen Skytin Ala, ihrer Entführung durch das Ungeheuer Tschujsbog, ihrer Rettung durch den Helden Lolli und der anschließenden Feier ihres Bundes. Prokofjew vollendete die Partitur im Jahr 1915, doch Diaghilew lehnte das Werk ab. Er befand das Szenario als zu archaisch und die Musik als zu stark von Strawinskys »Le sacre du printemps« beeinflusst – ein Vorwurf, den Prokofjew zeitlebens bestritt. Statt die Komposition aufzugeben, entschloss sich Prokofjew, die Musik in eine vierteilige Konzertsuite umzuarbeiten, die als »Scythische Suite« (auch »Ala und Lolli Suite«) op. 20 bekannt wurde. Die Uraufführung der Suite fand 1916 in Petrograd unter der Leitung des Komponisten statt und provozierte einen der größten Skandale in der russischen Musikgeschichte der Zeit, als Alexander Glasunow demonstrativ den Saal verließ.
Werk und Eigenschaften
Die Musik von »Ala und Lolli« ist von einer beeindruckenden Rohheit und urwüchsigen Energie geprägt, die Prokofjews frühen, avantgardistischen Stil exemplarisch demonstriert. Charakteristisch sind die kühnen Dissonanzen, massiven Orchestrierungen und die rücksichtslose rhythmische Vitalität, die das barbarische und ursprüngliche Ambiente der skythischen Mythologie eindrucksvoll widerspiegeln. Prokofjew setzte ein riesiges Orchester ein, einschließlich einer umfangreichen Perkussionsgruppe, um eine dichte und oft überwältigende Klanglandschaft zu schaffen. Obwohl oft mit Strawinskys »Le sacre du printemps« verglichen, bewahrt Prokofjews Werk eine eigene Identität durch seine spezifische melodische Direktheit und einen oft sarkastischen Unterton. Die vier Sätze der späteren Suite, die direkt den Handlungssträngen des Balletts folgen, sind:
1. Die Anrufung an Weles und Ala: Eine atmosphärische Einleitung, die die Bühne für die mythische Welt bereitet.
2. Der böse Gott und der Tanz der heidnischen Ungeheuer: Ein Satz von brutaler Kraft und rhythmischer Aggression, der die dunklen Mächte darstellt.
3. Die Nacht: Ein kontrastreicher, geheimnisvoller und oft zarterer Satz, der Momente der Stille und Reflexion bietet.
4. Der glorreiche Aufbruch Lollis und der Sonnenzug: Ein triumphaler und strahlender Schlusssatz, der mit fulminanten Klängen endet.
Bedeutung
»Ala und Lolli« nimmt eine zentrale Stellung in Prokofjews Frühwerk ein. Trotz Diaghilews Ablehnung wurde die aus ihr hervorgegangene »Scythische Suite« zu einem der wichtigsten Orchesterwerke des Komponisten und manifestierte seinen Ruf als »enfant terrible« und kompromissloser Modernist. Das Werk markierte eine Abkehr von Prokofjews früheren, lyrischeren Kompositionen und demonstrierte seine Fähigkeit zu großformatigen, dramatischen und kraftvollen Werken. Seine radikale Ästhetik und innovative Orchestrierung beeinflussten nicht nur Prokofjews spätere Schöpfungen, sondern prägten auch die Entwicklung der russischen Musik des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Die »Scythische Suite« bleibt ein herausforderndes und doch zutiefst lohnendes Werk für Orchester und ein unverzichtbarer Bestandteil des Repertoires der Moderne. Sie festigte Prokofjews Position als führende Figur der russischen Avantgarde und als eine der prägendsten Stimmen der Musik des 20. Jahrhunderts.