Leben und Entstehung
Edvard Grieg komponierte seine *Suite im alten Stil* mit dem Titel *Fra Holbergs tid* (Aus Holbergs Zeit) im Jahr 1884 anlässlich des 200. Geburtstages des bedeutenden dänisch-norwegischen Dichters, Philosophen und Historikers Ludvig Holberg (1684–1754). Ursprünglich entstand das Werk als Suite für Klavier solo unter der Opusnummer 40. Grieg, bekannt für seine tiefgreifende Verbindung zur norwegischen Volksmusik und seine nationalromantische Ästhetik, zeigte mit diesem Werk eine überraschende stilistische Wendung. Statt der erwarteten folkloristischen Elemente wandte er sich bewusst der Formensprache des Barock zu, um Holbergs Zeit, das 18. Jahrhundert, musikalisch zu evozieren. Die enorme Popularität des Werkes setzte jedoch erst ein, nachdem Grieg es im darauffolgenden Jahr, 1885, selbst für Streichorchester orchestrierte. Diese Bearbeitung offenbart Griegs meisterhaftes Gespür für Klangfarben und verlieh der Suite eine bis heute ungebrochene Lebendigkeit und Ausdruckskraft.
Werk und Eigenschaften
Die *Holberg-Suite* ist ein herausragendes Beispiel für eine Suite im alten Stil, die bewusst barocke Tanzsätze aufgreift und sie durch Griegs harmonische und melodische Linse neu interpretiert. Das Werk für Streichorchester ist fünfsätzig gegliedert:
1. Praeludium (Allegro vivace): Ein virtuos-spritziger Eröffnungssatz, der mit seiner motorischen Energie und tänzerischen Lebendigkeit an eine barocke Ouvertüre erinnert. Er etabliert sogleich den hellen und eleganten Charakter der Suite. 2. Sarabande (Andante espressivo): Ein getragener, edler Tanz im Dreiertakt, der Griegs lyrische und oft melancholische Ader zum Vorschein bringt. Die Musik strahlt eine würdevolle Innigkeit aus und ist von subtiler emotionaler Tiefe geprägt. 3. Gavotte (Allegretto): Ein anmutiger, flinker Satz im Allabreve-Takt mit charakteristischen Auftakten. Die Gavotte ist leichtfüßig und charmant, wobei ein kontrastierender Mittelteil (Musette) mit pastoralem Charakter für Abwechslung sorgt. 4. Air (Andante religioso): Der emotionale Höhepunkt der Suite. Dieser Satz, oft als eine der schönsten Melodien Griegs überhaupt bezeichnet, entfaltet eine zutiefst expressive und hymnische Qualität. Er demonstriert, wie Grieg innerhalb einer historischen Formgebung seine unverkennbare romantische Empfindsamkeit integriert. 5. Rigaudon (Allegro con brio): Ein lebhafter, mitreißender Schlusssatz. Dieser schnelle französische Volkstanz, energisch und rhythmisch prägnant, bringt die Suite zu einem glanzvollen und temperamentvollen Abschluss. Charakteristisch ist der oft auftretende Wechsel zwischen Unisono- und polyphonen Passagen.
Obwohl Grieg sich an barocken Formen orientiert, ist die *Holberg-Suite* kein reines Pastiche. Griegs unverkennbare harmonische Sprache, seine charakteristischen Melodieführungen und seine reiche Orchestrierung für Streicher verleihen dem Werk eine eigenständige, romantisch-norwegische Färbung, die den historischen Vorbildern eine neue Dimension hinzufügt.
Bedeutung
Die *Holberg-Suite* gehört zu Griegs populärsten und am häufigsten aufgeführten Werken und ist ein fester Bestandteil des Repertoires für Streichorchester weltweit. Ihre Bedeutung liegt in mehreren Aspekten begründet:
Ihre zeitlose Eleganz, die melodische Schönheit, insbesondere im „Air“, und ihre mitreißende Energie sichern der *Holberg-Suite* einen dauerhaften Platz in den Konzertsälen und Herzen der Musikliebhaber.