Leben/Entstehung
Die Kantate „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ (BWV 26) ist ein zentrales Werk aus dem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang Johann Sebastian Bachs. Sie wurde für den 24. Sonntag nach Trinitatis komponiert und höchstwahrscheinlich am 19. November 1724 in der Thomaskirche oder Nikolaikirche in Leipzig uraufgeführt. Bach war zu dieser Zeit als Thomaskantor tätig und hatte die Aufgabe, für jeden Sonntag und Feiertag eine Kantate zu liefern, die thematisch an die liturgischen Lesungen des Tages anknüpfte. Der anonyme Textdichter orientierte sich eng am Evangelium des Tages (Matthäus 24, 15–28), das die Endzeitreden Jesu und die Mahnung zur Wachsamkeit thematisiert, und vertieft die Gedanken über die Vergänglichkeit des Irdischen und die Notwendigkeit der Besinnung auf das Ewige. Die Kantate zählt zu Bachs sogenannten „Choralkantaten“, da sie in ihrem Aufbau stark auf einem überlieferten Kirchenlied basiert – in diesem Fall auf Michael Francks gleichnamigem Choral von 1652, dessen erste Strophe den Eingangschor bildet und dessen fünfte Strophe die Kantate beschließt.Werk/Eigenschaften
BWV 26 ist für vier Solostimmen (Sopran, Alt, Tenor, Bass), vierstimmigen Chor, Oboe, zwei Violinen, Viola und Basso continuo besetzt. Die Kantate gliedert sich in sieben Sätze: 1. Chor: Der beeindruckende Eröffnungschor in g-Moll ist eine meisterhafte musikalische Umsetzung des Textes "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig ist der Menschen Leben!". Bach evoziert mit virtuosen, fast unaufhörlichen Läufen der Streicher und der Oboe ein Bild der Flüchtigkeit und des dahinfließenden Lebensstroms, der wie Rauch oder Wind vergeht. Die chorischen Einwürfe und die kontrapunktische Dichte machen diesen Satz zu einem der Höhepunkte der Kantate. 2. Rezitativ (Tenor): Ein secco-Rezitativ, das die thematische Einführung vertieft und die theologische Argumentation vorantreibt. 3. Arie (Alt): "An irdische Schätze das Herze zu hängen" – Eine ergreifende Arie, die die Gefahr der weltlichen Bindung beklagt. Die Streicherbegleitung, oft im unisono oder mit charakteristischen Figuren, unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Warnung. 4. Rezitativ (Bass): Ein weiteres secco-Rezitativ, das die Notwendigkeit der Abkehr vom Irdischen und die Hinwendung zum Göttlichen betont. 5. Arie (Tenor): "Die Seele ruht in Jesu Händen" – Ein kontrastreiches Stück, das Trost und Zuversicht in der Spiritualität findet. Die Arie ist oft von einer obligaten Oboe begleitet, die eine lyrische Gegenstimme zum Tenor bildet. 6. Rezitativ (Sopran): Ein kurzes Secco-Rezitativ, das zum Schlusschoral überleitet. 7. Choral: Die Kantate schließt mit der fünften Strophe von Francks Choral "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig", einem schlichten, aber würdevollen vierstimmigen Satz, der die Lehren der Kantate zusammenfasst und im Vertrauen auf Gott endet.Bach nutzt die musikalischen Mittel, um die Gegensätze von Vergänglichkeit und Ewigkeit, von irdischer Torheit und göttlicher Weisheit eindrucksvoll darzustellen. Die prägnante Motivik, die kontrapunktische Raffinesse und die expressive Melodik zeichnen dieses Werk aus.