# Johann Sebastian Bach: Rezitativ 'Als der gütige Gott vollenden wollt sein Wort' aus BWV 10, 'Meine Seel erhebt den Herren'

Leben und Entstehung

Das Rezitativ „Als der gütige Gott vollenden wollt sein Wort“ ist ein zentraler Bestandteil von Johann Sebastian Bachs Kantate BWV 10, "Meine Seel erhebt den Herren". Diese Kantate wurde für das Fest Mariä Heimsuchung (2. Juli) des Jahres 1724 komponiert und gehört zu Bachs anspruchsvollem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang, dem sogenannten Choralkantatenjahrgang. In diesem Jahrgang bildete Bach systematisch Kantaten um bekannte lutherische Choräle herum, wobei er deren Melodien und Texte oft in komplexer Weise verwob. BWV 10 basiert auf Luthers deutscher Version des Magnificat, "Meine Seel erhebt den Herren", dessen Text und Melodie die gesamte Kantate prägen.

Der Text dieses Rezitativs, das dem Bass zugewiesen ist, stellt eine freie paraphrasierende Auslegung von Versen aus dem Magnificat dar (Lukas 1, 50-54), die Gottes Barmherzigkeit und seine Bundestreue hervorheben. Der unbekannte Librettist, der für die Texte der Choralkantaten des zweiten Jahrgangs verantwortlich war, schuf hier eine poetische Erweiterung, die die biblische Botschaft theologisch vertieft und für die damalige Gemeinde verständlich machte.

Werk und Eigenschaften

Das Rezitativ "Als der gütige Gott vollenden wollt sein Wort" ist als Secco-Rezitativ konzipiert, das heißt, es wird lediglich vom Basso continuo begleitet und zeichnet sich durch eine deklamatorische, an der Sprachmelodie orientierte Vertonung aus. Dies ermöglicht eine maximale Textverständlichkeit und eine direkte Vermittlung der theologischen Botschaft.

Musikalisch ist das Rezitativ durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:

  • Syllabische Vertonung: Jeder Textsilbe ist in der Regel nur ein Ton zugeordnet, was eine natürliche Sprechweise simuliert.
  • Harmonische Stützung: Der Continuo-Satz bietet eine solide harmonische Basis, die die affektive und theologische Aussage des Textes subtil unterstützt, ohne von der Vokalstimme abzulenken.
  • Flexibler Rhythmus: Der Gesang ist frei im Tempo und Rhythmus, folgt jedoch den natürlichen Betonungen der deutschen Sprache, um die Aussagekraft zu erhöhen.
  • Textliche Dichte: Inhaltlich reflektiert das Rezitativ die göttliche Treue und die Erfüllung der Verheißungen an Abraham und das Volk Israel, die sich in der Geburt Christi und somit in Marias Lobgesang manifestieren. Es dient als theologische Brücke und Kommentar zu den vorausgehenden und folgenden musikalischen Nummern, indem es die Heilsgeschichte in den Kontext des Magnificat rückt.
  • Innerhalb der Kantate BWV 10 übernimmt dieses Rezitativ eine wichtige dramaturgische Rolle: Es folgt auf den Choral "Gesegnet Land", der die Segnungen Gottes thematisiert, und leitet über zur Arie "Er denket der Barmherzigkeit", die Gottes unendliche Gnade preist. Es fungiert somit als ein Moment der theologischen Erklärung und Vertiefung, bevor die musikalische Pracht der Arie einsetzt.

    Bedeutung

    Die Bedeutung dieses Rezitativs liegt in seiner meisterhaften Verbindung von theologischer Tiefe und musikalischer Klarheit. Es illustriert Bachs Fähigkeit, selbst in scheinbar einfacheren musikalischen Formen – im Gegensatz zu den komplexeren Fugen und Arien – eine tiefgreifende Wirkung zu erzielen. Durch die sorgfältige Auswahl der Harmonien und die präzise rhythmische und melodische Gestaltung des Bass-Partes wird die theologische Botschaft von Gottes Bundestreue und Barmherzigkeit eindringlich vermittelt.

    Für das Verständnis der Choralkantaten Bachs ist dieses Rezitativ exemplarisch: Es zeigt, wie Bach die biblische Grundlage nicht nur vertont, sondern auch auslegt und für die Gemeinde zugänglich macht. Es ist ein Fenster in die protestantische Frömmigkeit des 18. Jahrhunderts, in der die genaue Kenntnis und Reflexion des Wortes Gottes eine zentrale Rolle spielten. Das Rezitativ ist somit nicht nur ein musikalischer Übergang, sondern ein eigenständiger Baustein in der Verkündigung der Heilsbotschaft, der die gesamte Kantate theologisch verankert und ihre didaktische Funktion verstärkt.