# Johann Sebastian Bach – An Wasserflüssen Babylon, alio modo a 4 (BWV 653b)

Leben und Entstehung

Das Choralvorspiel „An Wasserflüssen Babylon“ hat seinen Ursprung in der deutschen Übertragung von Psalm 137, einem tief empfundenen Klagelied der israelitischen Exilanten. Die zugrundeliegende Melodie ist eine alte, in der protestantischen Kirche seit dem 16. Jahrhundert gebräuchliche Weise, die durch ihren melancholisch-sehnsüchtigen Charakter besticht.

Johann Sebastian Bach setzte sich intensiv mit Chorälen auseinander, wobei er zeitlebens verschiedene Bearbeitungen schuf. Das vorliegende Werk, BWV 653b, gehört zu den sogenannten „Großen Achtzehn Chorälen“ (BWV 651–668), einer Sammlung, die Bach in seinen späten Leipziger Jahren (ca. 1740er-Jahre) sorgfältig zusammenstellte und revidierte. Diese Sammlung, auch „Leipziger Choräle“ genannt, repräsentiert den Höhepunkt seines Schaffens in diesem Genre.

BWV 653b ist eine Variante von Bachs berühmter Bearbeitung „An Wasserflüssen Babylon“ BWV 653. Während BWV 653 den *Cantus firmus* im Tenor führt, der im Pedal auf einem 4'-Register ausgeführt wird, präsentiert BWV 653b – die Bezeichnung „alio modo a 4“ (auf andere Weise, vierstimmig) weist darauf hin – den *Cantus firmus* im Sopran. Dies suggeriert, dass Bach eine alternative musikalische und klangliche Interpretation derselben Choralmelodie für wert befand, in seine definitive Sammlung aufgenommen zu werden, möglicherweise als eine frühere Fassung oder eine bewusst anders angelegte Vertonung.

Werk und Eigenschaften

Das Choralvorspiel BWV 653b steht in G-Dur und ist eine vierstimmige Komposition, die für Orgel bestimmt ist. Der *Cantus firmus* (die Choralmelodie) wird unaufdringlich, aber klar im Sopran geführt. Die Begleitung erfolgt durch drei weitere Stimmen: Alt, Tenor und Bass. Anders als die oft komplex-kontrapunktischen oder virtuos figurierten Begleitungen mancher anderer Bachscher Choralvorspiele zeichnet sich die Begleitung in BWV 653b durch eine fließende, oft imitatorische Satzweise aus, die den Charakter des Klageliedes unterstreicht, ohne die Melodie zu überdecken.

Die Stimmen bewegen sich mit einer gewissen gravitätischen Ruhe, wodurch eine Atmosphäre der Besinnung und tiefen Melancholie entsteht. Die melodische Linie des Soprans wird durch die sanft wogenden Begleitstimmen eingebettet, die oft in einer Art von *arioso*-Gestik oder durch leise, seufzende Motive zur emotionalen Dichte beitragen. Die Harmonik ist reichhaltig, doch stets der schlichten Schönheit des Chorals untergeordnet. Die feine Balance zwischen der Klarheit des *Cantus firmus* und der expressiven Begleitung macht BWV 653b zu einem Musterbeispiel Bachscher Meisterschaft in der Choralkunst.

Bedeutung

„An Wasserflüssen Babylon, alio modo a 4“ ist nicht nur ein testamentarisches Werk innerhalb der „Großen Achtzehn Choräle“, sondern auch ein Zeugnis von Bachs tiefem Verständnis für theologische Texte und deren musikalische Ausdeutung. Es offenbart seine Fähigkeit, eine bekannte Melodie in unterschiedlichen Gewändern erscheinen zu lassen, wobei jede Version eine eigene Perspektive auf den ursprünglichen Gehalt des Chorals bietet.

Die spezifische Schlichtheit und die intime Qualität von BWV 653b verleihen ihm eine besondere Stellung. Es spricht für Bachs künstlerisches Ethos, dass er nicht nur die elaboriertere Version (BWV 653) schätzte, sondern auch diese subtilere, vielleicht meditativere Ausführung für würdig befand, in seinen Kanon der vollendeten Choralbearbeitungen aufgenommen zu werden. Das Stück steht exemplarisch für die geistliche Tiefe und die kontrapunktische Finesse, mit der Bach die protestantische Kirchenmusik bereicherte und deren bleibende ästhetische und theologische Relevanz bis heute nachwirkt. Es bleibt ein bewegendes Zeugnis der musikalischen Meditation über Trauer, Sehnsucht und Hoffnung.