# Ach Herr, mich armen Sünder, BWV 135

Leben und Entstehung

Die Kantate „Ach Herr, mich armen Sünder“, BWV 135, gehört zu Johann Sebastian Bachs beeindruckendem zweiten Leipziger Kantatenjahrgang, der sogenannten Choralkantatenjahrgang. Bach komponierte dieses Werk für den 3. Sonntag nach Trinitatis und führte es erstmals am 25. Juli 1724 in der Nikolaikirche oder Thomaskirche in Leipzig auf. Die Textgrundlage bildet das gleichnamige Bußlied von Cyriakus Schneegass aus dem Jahr 1597, eine Paraphrase des 6. Psalms. Der unbekannte Textdichter des Leipziger Hofes behielt die erste und letzte Strophe des Chorals im Original bei, während die Binnenstrophen zu Rezitativen und Arien umgedichtet wurden. Mit dieser Kantate setzte Bach seine systematische Auseinandersetzung mit dem lutherischen Kirchenlied fort, die er in diesem Schaffensjahrgang besonders intensiv betrieb und die seine Rolle als „Musicalischer Theologe“ eindrucksvoll unterstreicht.

Werk und Eigenschaften

BWV 135 ist eine Kantate für Soli (Tenor, Bass), Chor (SATB) und Orchester (Corno, zwei Oboen, zwei Violinen, Viola und Basso continuo). Die Instrumentation ist charakteristisch für Bachs Leipziger Choralkantaten, wobei das Corno eine prominente Rolle spielt, indem es die Choralmelodie im Eingangschor unisono mit dem Sopran verstärkt und dieser so eine besondere Würde und gravitätische Kraft verleiht.

Die Kantate besteht aus sechs Sätzen, die eine dramaturgische Entwicklung von der Sündenklage zur Gnadenhoffnung durchlaufen:

1. Coro: „Ach Herr, mich armen Sünder“ Der monumentale Eingangschor ist als komplexes Choralkonzert konzipiert. Über einem polyphonen und konzertanten Orchestersatz, der mit eigenständigen Motiven und Imitationen arbeitet, erklingt die Choralmelodie im Sopran und Corno in langen Notenwerten (Cantus firmus). Die Unterstimmen des Chores umranken diese Melodie mit kontrapunktischen und affektgeladenen Figuren, die das Flehen und die Demut des Sünders eindringlich darstellen. 2. Recitativo (Tenor): „Ach! bittrer Tropfen meiner Sünden“ Ein ausdrucksvolles Secco-Rezitativ, das die persönliche Sündenerkenntnis und das Leid darüber vertieft. Die musikalische Gestaltung unterstreicht die Bitterkeit und die Last der Verfehlung. 3. Aria (Tenor): „Meine Sünden schrecken mich“ Diese Tenorarie ist von dramatischer Intensität geprägt. Die Musik fängt die Angst und das Erschrecken angesichts der eigenen Verfehlungen durch energische Rhythmen, dissonante Harmonien und eine oft unruhige Begleitung ein. Sie ist ein Meisterstück der Affektdarstellung, das die psychische Not des Gläubigen hörbar macht. 4. Recitativo (Bass): „Ich suche Trost bei dir“ Das Bass-Rezitativ markiert einen Wendepunkt, indem es von der Klage zur Zuversicht übergeht. Es preist die unendliche Güte Gottes und leitet zur Botschaft der Gnade über. 5. Aria (Bass): „Durchstreich, o Jesu, meine Sünden“ Die Bassarie strahlt eine ruhige, aber feste Zuversicht aus. Sie ist oft durch fließende Melodielinien und eine klare, hoffnungsvolle Harmonik gekennzeichnet, die die Erwartung der Vergebung und die Bitte um Tilgung der Sünden musikalisch untermalt. Die virtuose Führung des Basses symbolisiert die Standhaftigkeit im Glauben. 6. Chorale: „Ehr sei ins Himmels Thron“ Die Kantate schließt mit einer schlichten, aber ergreifenden vierstimmigen Vertonung der letzten Choralstrophe. Dieser doxologische Abschluss bekräftigt die theologische Botschaft der Erlösung und preist Gott für seine Gnade, indem er das Werk in einer feierlichen und doch schlichten Form zur Vollendung bringt.

Bachs meisterhafte Fähigkeit zur musikalischen Rhetorik und tiefgründigen Wortausdeutung durchdringt das gesamte Werk und führt den Zuhörer durch die emotionalen und theologischen Stadien von Buße, Furcht, Hoffnung und schließlich der tröstlichen Gewissheit göttlicher Vergebung.

Bedeutung

„Ach Herr, mich armen Sünder“ ist ein herausragendes Beispiel für Bachs theologisch tiefgründiges und musikalisch anspruchsvolles Kantatenschaffen. Sie demonstriert eindrucksvoll, wie Bach lutherische Glaubensinhalte durch komplexe musikalische Strukturen und intensive emotionale Ausdruckskraft verdichtete. Als Teil des Choralkantatenjahrgangs unterstreicht sie Bachs Bestreben, das lutherische Kirchenlied als tragendes Element der Liturgie und der musikalischen Predigt künstlerisch auf höchstem Niveau zu gestalten.

Die Kantate ist nicht nur ein bedeutendes Dokument barocker Musikästhetik und protestantischer Frömmigkeit, sondern auch ein zeitloses Zeugnis menschlicher Glaubenserfahrung. Ihre detaillierte musikalische Ausarbeitung der Bußthematik und die kunstvolle Verflechtung von traditionellem Choral und freier Dichtung machen sie zu einem wichtigen Studienobjekt für Musikwissenschaftler und einem bewegenden Hörerlebnis für das Publikum weltweit. Sie bekräftigt Bachs Ruf als einer der größten musikalischen Theologen der Geschichte und als Meister der Choralbearbeitung in Kantatenform.